Die Waldsiedlung im Berliner Stadtteil Zehlendorf trägt ab sofort einen besonderen Titel: Sie ist offiziell Weltkulturerbe. Die Ehre kommt jedoch nicht überall gut an. Viele Bewohnerinnen und Bewohner sehen der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. „Das Schlimme ist“, sagt Barbara von Boroviczeny, „man wohnt eigentlich so gerne hier.“
Eine Familie und ihre 54-Quadratmeter-Wohnung
Barbara von Boroviczeny ist in der Waldsiedlung geboren und aufgewachsen. Seit 1959 mietet ihre Familie dieselbe Wohnung – 54 Quadratmeter, zwei Zimmer, bis heute. Zusammen mit ihrem Ehemann lebt sie seit Jahrzehnten in dem Haus. Die Wohnung ist mehr als nur ein Ort zum Schlafen: Sie ist ein Stück Lebensgeschichte. Jedes Zimmer, jeder Flur erinnert an Generationen.
Die Siedlung selbst war ursprünglich für ein einfaches Publikum geplant worden. „Einfache Bürger sollten gut wohnen“, lautete das Versprechen. Diese soziale Idee ist bis heute spürbar. Die Anlage bietet Grün, Licht und ausreichend Platz für ein ruhiges Leben. Genau diese Qualitäten sorgen nun aber auch für neue Probleme.
Vom sozialen Modell zum Millionengrundstück
Die Waldsiedlung erfreut sich längst großer Beliebtheit bei Wohlhabenden. Ein Häuschen in dieser Lage hat inzwischen einen Millionenwert. Der neue UNESCO-Status dürfte den Wert weiter steigen lassen. Für Eigentümer klingt das verlockend, für Mieter wie Barbara von Boroviczeny ist es eine Bedrohung. Steigende Grundstückspreise könnten zu höheren Mieten führen. Außerdem sind Sanierungen und Umbauten nach den strengen Regeln des Denkmalschutzes oft deutlich teurer. Die Sorge, dass die eigenen vier Wände unbezahlbar werden, ist bei vielen Bewohnern groß.
Dabei war die Siedlung einst ein Vorzeigeprojekt für bezahlbares Wohnen. Historisch betrachtet reiht sie sich ein in die großen Wohnungsbauinitiativen der Zwischenkriegszeit, als in Berlin zahlreiche Siedlungen entstanden, um der Wohnungsnot zu begegnen. Die Architekten setzten auf aufgelockerte Bauweise, viel Grün und Licht – Werte, die bis heute als modern gelten. Die Waldsiedlung gilt in Fachkreisen als herausragendes Beispiel dieser Periode, auch wenn sie im Vergleich zu anderen Berliner Siedlungen lange Zeit weniger Aufmerksamkeit erhielt.
Weltkulturerbe: Ruhm mit Nebenwirkungen
Der Titel Weltkulturerbe ist eine Auszeichnung für die Architektur und die Stadtgeschichte. Er verpflichtet jedoch auch zu einem besonderen Erhalt. Jede Renovierung muss sich an denkmalpflegerischen Vorgaben orientieren. In der Praxis bedeutet das: mehr Bürokratie, höhere Kosten und weniger Freiheit beim Umbau. Fenster, Türen, Fassaden – alles muss originalgetreu bleiben. Das kann für private Eigentümer schnell zur finanziellen Belastung werden.
Zudem rückt die Siedlung ins Rampenlicht des internationalen Tourismus. Gäste aus aller Welt möchten die berühmte Architektur bestaunen. Die Bewohner aber befürchten, dass ihre vertraute Umgebung zur Besichtigungsmeile wird. Bereits heute schlendern an Wochenenden Interessierte durch die Straßen. Mit dem Welterbe-Titel dürfte der Andrang zunehmen. Ruhe und Privatsphäre wären dahin.
Was die Anwohner jetzt fordern
Die Menschen in der Waldsiedlung wünschen sich eine Politik, die den Denkmalschutz mit den Interessen der Bewohnerschaft verbindet. Sie wollen nicht als Ausstellungsstück leben. Sie fordern bezahlbare Mieten, Unterstützung bei Sanierungen und Schutz vor übermäßigem Trubel. Insbesondere für langjährige Mieterinnen und Mieter wäre eine Verdrängung durch steigende Kosten ein bitteres Ende.
Barbara von Boroviczeny bringt es auf den Punkt: Das Wohnen hier sei etwas Besonderes – und genau das gelte es zu erhalten. Dafür brauche es einen sensiblen Umgang mit dem neuen Titel. Die Entscheidung zur Welterbe-Eintragung ist gefallen, doch die Debatte über die Folgen hat gerade erst begonnen.
Die Waldsiedlung bleibt ein lebendiges Viertel, kein Museum. Ob das so bleibt, hängt auch davon ab, wie die Stadt, die Eigentümer und die Behörden mit der neuen Situation umgehen. Die Bewohner jedenfalls sind entschlossen, ihre Heimat zu verteidigen. Sie haben die Hoffnung, dass die Anerkennung nicht zum Nachteil der Menschen wird, die hier seit Generationen zu Hause sind.



