Alice Weidel und Tino Chrupalla: Zwei Pole, eine Partei
Eigentlich wollen sie Geschlossenheit demonstrieren. Doch vor dem Parteitag der AfD in Erfurt bringen Alice Weidel und Tino Chrupalla ihre Verbündeten in Stellung. Die Co-Vorsitzenden der in Teilen rechtsextremen Partei stehen am Wochenende gemeinsam auf der Bühne der Messehalle und stellen sich zur Wiederwahl. Doch hinter den Kulissen schwelt die Rivalität zwischen den Lagern. Weidel, promovierte Ökonomin und Ex-Goldman-Sachs-Mitarbeiterin, lebt teilweise in der Schweiz, während Chrupalla, Malermeister aus der Lausitz, die Basis verkörpert. Diese Unterschiede galten lange als Erfolgsfaktor, doch nun drohen sie die Partei zu spalten.
Weidels Netzwerk arbeitet an der Zukunft
Das Lager um Alice Weidel denkt bereits über den Parteitag hinaus. Ziel ist die Bundestagswahl 2029, bei der Weidel als Kanzlerkandidatin antreten soll. Der einflussreiche Netzwerker Sebastian Münzenmaier soll ihr als Generalsekretär zur Seite stehen. Laut MDR kursiert eine Liste aus dem Münzenmaier-Netzwerk in mehreren Landesverbänden, die Weidels Favoriten für den Bundesvorstand auflistet. Ein führendes Parteimitglied berichtet von massiver Stimmungsmache für die Parteichefin in WhatsApp-Gruppen. Ein anderer ranghoher AfDler spricht von „Truppen, die in Stellung gebracht werden“.
Allerdings hat Weidel auch Gegner. In wichtigen Landesverbänden wie Nordrhein-Westfalen und Bayern stößt sie auf Widerstand, weil sie sich in Machtkämpfe um den Landesvorsitz eingemischt haben soll. Auch in Niedersachsen ist der Rückhalt für sie nicht mehr ungebrochen. Die Ergebnisse ihrer eigenen Wiederwahl werden daher genau beobachtet.
Chrupalla setzt auf Basis und Sachsen
Tino Chrupalla will seinen Posten als Co-Sprecher nicht räumen. Aus seinem Umfeld heißt es: „Warum den Kapitän auswechseln, wenn das Schiff voll auf Kurs ist?“ Auch eine Doppelspitze für die Bundestagswahl 2029 bleibt für ihn eine Option. Doch auch Chrupalla muss mit Dämpfern rechnen. Er soll den Weidel-Verbündeten Markus Frohnmaier in Baden-Württemberg mit Kritik an dessen Wahlkampf verärgert haben. Zudem setzte er in der Vetternwirtschaft-Affäre Spitzen gegen betroffene Landesverbände. Auch er mischte sich in Vorstandswahlen ein, was nicht überall gut ankam.
Eine Idee unter AfD-Funktionären ist, Chrupalla den Abschied von der Bundesspitze zu erleichtern und ihn als Ministerpräsidentenkandidaten in Sachsen zu positionieren. Dort wird 2029 ebenfalls gewählt. Allerdings könnte dies beim sächsischen Landesverband und dessen Chef Jörg Urban auf Widerstand stoßen.
Höckes langer Arm reicht bis nach Berlin
Björn Höcke, Thüringens rechtsextremer Landeschef, nutzt den Parteitag, um seine Machtbasis auszubauen. Er schickt Stefan Möller ins Rennen um den Posten des stellvertretenden Bundessprechers. Möller soll das Erbe von Stephan Brandner antreten. Für Weidel und Chrupalla ist Höckes Einfluss eher ein Risiko als ein Gewinn. Beide Parteichefs eint die Sorge vor Höckes Störfeuern.
Weder Weidel noch Chrupalla gehen sorgenfrei in den Parteitag, obwohl sie keine Gegenkandidaten fürchten müssen. In vertraulichen Gesprächen mit einflussreichen AfD-Politikern wird deutlich: Die gewünschte Geschlossenheit bröckelt. Stattdessen wachsen Wut, Gerüchte und persönliche Verletzungen. Die Polizei rechnet mit massiven Protesten gegen den Parteitag.
Die Entscheidungen in Erfurt werden richtungsweisend für die Zukunft der AfD sein. Ob die Doppelspitze hält oder einer der beiden weichen muss, ist offen. „Wie die Wahlen auf dem Parteitag ausgehen, ist Kaffeesatzleserei“, sagt ein Funktionär. Sicher ist nur: Der Machtkampf ist in vollem Gange.



