Am 4. Juli versuchten Gegendemonstranten, den AfD-Bundesparteitag in Erfurt zu verhindern. Die politischen Ränder heizten sich gegenseitig an – ganz rechts wie links hofft man auf die hässlichste Version des Gegners. Es wird auch künftig darum gehen, den anderen zum Monster zu machen. Die kommenden Wochen könnten ungemütlich werden, schreibt Julia Ruhs in ihrer Kolumne.
Faschismus-Overload in Erfurt
Wer vergangenes Wochenende in Erfurt war, erlebte laut Ruhs einen „Faschismus-Overload“. Das Wort Faschismus sei inflationär gebraucht worden: Faschisten hier, Faschisten dort – und wer keiner sei, gelte als Steigbügelhalter. Das Bündnis „Widersetzen“ drohte CDU und BSW offen, sollten sie der AfD zur Macht verhelfen. Auch Medien wie Bild, Welt, Apollo News und Junge Freiheit wurden als faschistisch gebrandmarkt. „Da Sie gerade bei einem dieser Medien gelandet sind: Gefällt Ihnen, was Sie lesen, sind Sie leider auch Faschist“, kommentiert Ruhs sarkastisch.
Annäherung der Extreme
Ganz links und rechts würden sich immer ähnlicher, so Ruhs. Beide Seiten verachteten „das System“ – die AfD die „Systemmedien“, die Linken den Staat, der den AfD-Parteitag durch Polizei schützte. Der Thüringer Innenminister von der SPD werde nun ebenfalls zum „Faschismus-Kollaborateur“ erklärt. Die Logik der Antifaschisten sei gnadenlos.
Faktencheck: Keine bewusste NS-Inszenierung
Ruhs räumt ein, selbst auf Fake News hereingefallen zu sein. Sie war überzeugt, dass die AfD den Termin bewusst auf das Wochenende des 4. und 5. Juli gelegt habe – genau 100 Jahre nach dem NSDAP-Reichsparteitag in Weimar. Doch eine Recherche des MDR ergab: Die Messe hatte der AfD diesen Termin vorgeschlagen, andere Wochenenden waren belegt. „Entwarnung – also doch keine historische Inszenierung im Geiste der Nazis“, schreibt Ruhs. Die Richtigstellung habe jedoch nur wenige erreicht.
Fakten gegen das Narrativ
Fakten hätten es schwer, wenn sie nicht ins gewünschte Narrativ passten. Schon die Correctiv-Recherche zum „Potsdamer Geheimtreffen“ habe gezeigt: Reiche die faschistische Bedrohung nicht aus, werde eine Erzählung konstruiert. Ziel sei es, den politischen Gegner möglichst bedrohlich wirken zu lassen – die „Wannsee-Konferenz 2.0“ lasse grüßen.
Eskalation als Strategie
Ruhs sprach in Erfurt mit einer „Oma gegen rechts“. Diese meinte, man habe eine linke Eskalation geradezu herbeigesehnt. Je extremistischer die Demonstranten wirkten, desto größer sei das linke Feindbild. Auch rechts warte man darauf, dass der Gegner sich danebenbenimmt, um ihn zum Monster zu erklären. „Ohne Faschisten keine Antifaschisten“, so Ruhs. Das Prinzip „Wir gegen die“ funktioniere wunderbar – für Alice Weidel wie für Heidi Reichinnek. Beide lebten vom Alarmzustand, der politische Feind sei zum wichtigsten Verbündeten geworden. Währenddessen würden die Parteien in der Mitte zerrieben.



