Das „Nie wieder!“ beginnt auf Schulhöfen und an Bushaltestellen
Berlin. Die Angriffe auf Jüdinnen und Juden in Deutschland nehmen zu. Das historische Versprechen gerät ins Wanken. Noch schlimmer: Zu wenige stört das. Ein Kommentar von Christian Unger, Redakteur.
Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie reimt sich. Für Jüdinnen und Juden wurde Deutschland zur tödlichen Falle. Sie verloren erst ihre Arbeit und ihre Wohnung, dann ihr Leben. Deutschland im Jahr 2026 ist nicht vergleichbar mit der NS-Zeit. Im Gegenteil: Jüdisches Leben ist zurückgekehrt in dieses Land. Darauf sollten wir mit Demut und Scham blicken. Und vielleicht ein bisschen mit Stolz.
Nie wieder, so lautet das deutsche Versprechen. Aber dieses Schlagwort beginnt viele Meilen vor den Toren der Vernichtungslager. Es beginnt auf jüdischen Friedhöfen, an jüdischen Restaurants und Supermärkten, an Schulen und Bushaltestellen. Überall dort erleben Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder Hass. Beleidigungen, antisemitische Schmierereien, Drohungen. Und in einzelnen Fällen auch gewaltsame Übergriffe. Und nicht nur das: Mitglieder der israelfeindlichen Terrororganisation Hamas nutzen Deutschland nicht mehr nur als Rückzugsort. Sie operieren auch hier, sammeln Waffen, planen Gewalt.
Es braucht Widerrede, wenn die Höckes der Republik von einer „erinnerungspolitischen Wende“ faseln. Auch interessant: Höcke und der Holocaust – „Die AfD will die Erinnerungskultur beschädigen“. Der Antisemitismus in Deutschland wächst wieder. Die Immunisierung durch das Menschheitsverbrechen des Holocaust verblasst immer mehr. Nicht nur das: Vor allem rechte Extremisten, aber auch Linksradikale und Islamisten vergiften die Stimmung im Land täglich mit Parolen gegen das Judentum. Manchmal gießen sie ihren Antisemitismus in „Israelkritik“, wollen aber eigentlich eine Menschengruppe ins Visier nehmen, die schon seit jeher als Feindbild und Sündenbock für eigene Missstände und Krisen herhalten muss.
Es braucht eine Solidarität mit angegriffenen Jüdinnen und Juden, mehr Israelfahnen auf deutschen Straßen. Es braucht Widerrede, wenn die AfD-Höckes und AfD-Gaulands dieser Republik irgendetwas von einer „erinnerungspolitischen Wende“ oder einem „Vogelschiss“ faseln. Deutschland hat Europas Judentum vor nicht allzu langer Zeit fast vernichtet. Das wird sich nicht wiederholen. Doch allein das Aufweichen dieser Schuld durch Angriffe auf Jüdinnen und Juden ist eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf.



