Estland fordert EU-Sanktionen gegen IOC nach Wiederzulassung russischer Athleten
Estland fordert EU-Sanktionen gegen IOC

Die Wiederzulassung russischer Sportler unter der Flagge ihres Landes durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) sorgt für Empörung in der Ukraine und in der Europäischen Union. Estland fordert nun, das IOC von EU-Förderprogrammen auszuschließen. Der EU-Sportkommissar Glenn Micallef hält „angemessene Schritte“ für möglich, wie das Nachrichtenportal „Politico“ berichtet.

Estland werde der Europäischen Kommission vorschlagen, das IOC von Förderprogrammen der EU auszuschließen, erklärte die estnische Kulturministerin Heidy Purga, die auch für Sport zuständig ist. „Es ist unmöglich, Entscheidungen nachzuvollziehen, die darauf abzielen, Aggressorländer wieder in den internationalen Sport zu integrieren, als wäre nichts geschehen“, wird Purga zitiert.

Hintergrund der IOC-Entscheidung

Das IOC hatte am 7. Juli bekannt gegeben, die bisher geltenden Beschränkungen für die Teilnahme von Russen an internationalen Wettbewerben im Hinblick auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 außer Kraft zu setzen. Ob russische Athleten und Teams bei den Sommerspielen in Los Angeles wieder mit eigener Flagge und Hymne starten dürfen, soll erst zu einem späteren Zeitpunkt beurteilt werden. Zudem zog das IOC seine Empfehlungen an die Ausrichter internationaler Sportveranstaltungen zur Zulassung von Russen zurück. Die Sperre des Russischen Olympischen Komitees (ROC) wurde vorläufig aufgehoben, da aus Sicht des IOC die juristische Grundlage entfallen ist. Diese war damit begründet worden, dass das ROC gegen die Olympische Charta verstoßen habe, weil es die vier annektierten ukrainischen Gebiete Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja aufgenommen hatte. Russlands Olympia-Komitee hatte dieser Begründung durch einen sportjuristischen Winkelzug die Grundlage entzogen.

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Die lettische Außenministerin Baiba Braže sagte zu „Politico“, das IOC sende mit seiner Entscheidung eine „gefährliche Botschaft“. Russlands „imperiale Ambitionen“ würden nicht nur darauf abzielen, „ukrainisches Territorium zu annektieren, sondern auch darauf, internationale Legitimität für seine Eroberungen zu erlangen“. Beides würde Moskau über jede verfügbare internationale Plattform versuchen. Lettland und Estland teilen sich mit Russland jeweils eine mehr als 250 Kilometer lange Grenze. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt der Länder vor Beginn des russischen Angriffskrieges befinden sich beide baltischen Staaten unter den Top 5 Unterstützern der Ukraine, wie das Kiel Institut für Weltwirtschaft analysiert hat.

Reaktionen aus Brüssel und der Ukraine

In Brüssel ist man zwar der Meinung, dass Sportler „nicht den Preis für die Entscheidungen ihrer Regierungen zahlen“ sollten. Dennoch sagte EU-Sportkommissar Glenn Micallef dem Nachrichtenportal, dass Sport „nicht zur Hintertür für die Normalisierung von Aggression“ werden dürfe. „Wenn der Dialog dies nicht gewährleisten kann, müssen die EU und ihre Mitgliedstaaten bereit sein, verhältnismäßige Schritte in Betracht zu ziehen, um die Werte zu verteidigen, auf denen der internationale Sport basiert“, so Micallef weiter. Ob er damit den Entzug von Geldern meint, bleibt offen. Das IOC finanziert sich eigenen Angaben zufolge hauptsächlich über den Verkauf von Übertragungsrechten sowie Marketing und Sponsoring. Einnahmen durch EU-Förderungen dürften nur gering ausfallen. Dennoch zeigen die Forderungen, dass der Unmut über die Entscheidung wächst.

Das ukrainische Außenministerium nannte den Entschluss ein „beunruhigendes Signal für die gesamte internationale Gemeinschaft“. Bereits am Dienstag rief es die Gastgeberländer von Sportwettbewerben dazu auf, das Verbot russischer Staatssymbole aufrechtzuerhalten, da unter dieser Flagge ein grundloser Krieg in der Ukraine fortgesetzt werde. Zudem drängt Kyjiw bei internationalen Sportverbänden darauf, bestehende Beschränkungen für russische Athleten beizubehalten.

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Ukrainischer Athlet attackiert IOC

Der ukrainische Skeleton-Fahrer Wladislaw Heraskewytsch bezeichnete die IOC-Entscheidung als „Wahnsinn“ und „Schande“. Der 27-jährige Wintersportler war vom Wettkampf bei den Winterspielen im Februar in Italien ausgeschlossen worden, weil er sich geweigert hatte, seinen Helm abzusetzen. „Auf meinem Helm habe ich an 22 verstorbene (ukrainische) Sportler gedacht, insgesamt sind es über 660. Das ist einfach nur grausam“, sagte er dem Medienunternehmen „Münchner Merkur/TZ“. „Mir war klar, dass es irgendwann passieren wird. Aber ich hätte niemals gedacht, dass diese Entscheidung so schnell getroffen wird“, fügte er hinzu. „Es gab in den vergangenen Tagen zahlreiche Raketenangriffe auf Kyjiw, erneut wurden Menschen getötet. Die Situation aktuell ist eigentlich so schlimm wie nie zuvor. Und genau in dem Zeitraum macht das IOC diese Entscheidung publik“, sagte Heraskewytsch, der sich momentan in der ukrainischen Hauptstadt aufhält.

Kreml begrüßt Entscheidung

Der Kreml wiederum begrüßte die vorläufige Aufhebung der Sanktionen gegen russische Athleten. Die Kehrtwende sei „ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung der legitimen Rechte unserer Sportler auf die Teilnahme an internationalen Wettbewerben“, kommentierte Kremlsprecher Dmitri Peskow den Beschluss russischen Nachrichtenagenturen zufolge am Mittwoch. Moskau werde aber seine Arbeit fortsetzen, um die vollwertigen Rechte aller russischen Athleten auf internationaler Ebene zu erstreiten, fügte er hinzu.

Belarus-Sanktionen bereits aufgehoben

Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine vor mehr als vier Jahren hatte das IOC sowohl Russlands Sportler als auch die belarussischen Athleten mit Sanktionen belegt. Belarus unterstützt Russland im Krieg gegen die Ukraine. An den Olympischen Spielen in Paris 2024 und den Winterspielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo in diesem Jahr durften nur Einzelsportler beider Nationen als neutrale Athleten teilnehmen. Schon vor einigen Wochen hatte das IOC Athleten aus Belarus die Rückkehr in internationale Wettbewerbe erleichtert. Nach Meinung der Dachorganisation dürfe der Start von Athleten bei internationalen Wettkämpfen „nicht durch das Handeln ihrer Regierungen eingeschränkt werden, einschließlich der Beteiligung an einem Krieg oder Konflikt“. Vor der Rückkehr auf die internationale Bühne müssen sich Russlands Sportler nach Angaben des IOC mehreren Dopingtests unterziehen. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry betonte, dass russische Regierungsfunktionäre weiter nicht zu Olympischen Spielen eingeladen und auch keine IOC-Veranstaltungen nach Russland vergeben werden. Wie die Weltverbände die veränderten Vorgaben des IOC umsetzen, sei ihnen überlassen. „Wir lehnen jegliche Form von Gewalt und Krieg ab und werden die Ukraine weiter unterstützen“, bekräftigte Coventry und fügte hinzu: „Auch wenn ich wie eine kaputte Schallplatte klinge: Ich glaube nicht daran, dass Athleten den Preis bezahlen sollten.“