Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Völkermord an der Tutsi-Minderheit in Ruanda hat die Bundesanwaltschaft in Hessen einen mutmaßlichen Massenmörder festgenommen. Der aus Ruanda stammende Innocent S., ein Angehöriger der Hutu-Volksgruppe, wurde am Morgen im Main-Kinzig-Kreis verhaftet, wie die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mitteilte. Der heute 58-Jährige soll sich 1994 als Assistent eines Bürgermeisters in der Präfektur Gisenyi aktiv am Völkermord beteiligt haben.
Vorwürfe: Anstiftung zur Vernichtung und Todeslisten
Den Ermittlungen zufolge soll Innocent S. seine Autorität genutzt haben, um zur Vernichtung von Tutsi in seiner Gemeinde anzustacheln. Zudem wird ihm vorgeworfen, er habe „Todeslisten“ anlegen lassen und die Ermordung von 25 Tutsi angeordnet. In einem Fall soll der Beschuldigte selbst einem Opfer die Brust aufgeschnitten haben. Nach Informationen des SPIEGEL gehörte zu den Ermordeten auch ein leitender Priester der örtlichen Pfarrgemeinde.
Flucht und jahrelanges Leben in Deutschland
Laut den Ermittlungen floh der Beschuldigte im Juli 1994 zunächst in den Kongo. Nach SPIEGEL-Recherchen hielt er sich offenbar seit Anfang der Nullerjahre in Hessen auf – unbehelligt von den Behörden. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm Beteiligung am Völkermord und Mord in 25 Fällen vor. Der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs muss nun über den Haftbefehl gegen Innocent S. entscheiden. Seine Verteidigung war für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar.
Hintergrund: Der Genozid in Ruanda 1994
Während des Völkermords von 1994 wurden in Ruanda binnen weniger Monate rund Hunderttausende Angehörige der Tutsi-Minderheit von radikalen Hutu ermordet. Die Festnahme von Innocent S. zeigt, dass die juristische Aufarbeitung der Verbrechen auch Jahrzehnte später noch andauert. Generalbundesanwalt Jens Rommel ließ die Verhaftung durchführen, wie die Behörde bestätigte.



