NS-Aufarbeitung und die deutsch-polnischen Beziehungen
Lange warf man in Polen den Deutschen vor, ihre düstere Vergangenheit zu verdrängen. Das wachsende Interesse an den NS-Akten sorgt im Nachbarland nun für Erleichterung. Die Historikerin Hanna Radziejowska warnt jedoch vor blinden Flecken, die bestehen bleiben. Im Interview mit Jan Puhl äußert sie sich kritisch.
Ein Interview mit Hanna Radziejowska
Frage: Frau Radziejowska, wie bewerten Sie das gestiegene Interesse in Deutschland an der Aufarbeitung der NS-Verbrechen?
Radziejowska: Es ist erfreulich, dass die deutsche Gesellschaft und Politik sich vermehrt mit den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte auseinandersetzen. Dennoch fehlt es oft an Demut. Ein wenig mehr Demut wäre wohl angebracht, denn die Aufarbeitung ist noch lange nicht abgeschlossen.
Frage: Welche blinden Flecken sehen Sie?
Radziejowska: Viele Deutsche konzentrieren sich auf die bekannten Verbrechen, aber die alltägliche Gewalt gegen Polen während der Besatzung wird häufig vernachlässigt. Die extreme Gewalterfahrung der polnischen Bevölkerung wird nicht ausreichend gewürdigt.
Frage: Was fordern Sie von der deutschen Politik?
Radziejowska: Es braucht eine umfassende historische Bildung, die auch die weniger bekannten Aspekte der NS-Herrschaft in Polen einbezieht. Nur so können die deutsch-polnischen Beziehungen auf eine ehrliche Basis gestellt werden.



