Kardinal Víctor Fernández, der höchstrangige Theologe im Vatikan nach dem Papst, hat Israel, die USA und die Europäische Union wegen ihres Verhaltens in aktuellen Kriegen scharf kritisiert. In einem Einführungsreferat beim derzeit tagenden außerordentlichen Konsistorium der Kardinäle im Vatikan warf der aus Argentinien stammende Geistliche den genannten Akteuren einen Mangel an Moral und inkonsequentes Handeln vor.
Unverhältnismäßige Gewalt in Nahost
Mit Blick auf die Nahostkriege der vergangenen Jahre sagte Fernández: „Die enorme Unverhältnismäßigkeit der Militärschläge in Gaza und im Südlibanon ist offensichtlich.“ Wegen des im Vergleich zu anderen Kriegen sehr hohen Anteils getöteter Zivilisten und Kinder sowie der Zahl zerstörter Häuser dürfe man von einer „totalen Zerstörung“ sprechen. Ein solches Vorgehen könne nicht als verhältnismäßig im Sinne eines gerechten Krieges angesehen werden.
Der Kardinal, der von Amts wegen die Glaubenskongregation leitet, betonte, dass sowohl Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine als auch die USA bei ihrer militärischen Mitwirkung im Nahen Osten von einer „Form der Selbstverteidigung“ sprächen. In Gaza, im Libanon und in der Ukraine führe der Rückgriff auf ein in Anspruch genommenes Recht auf Präventivschläge zu solchen Rechtfertigungsstrategien.
Manipulation der kirchlichen Lehre
Fernández kritisierte, dass die kriegerischen Handlungen wie Anwendungen theologischer Kriterien erschienen. Die Lehre der Kirche werde „manipuliert, um ein Fundament für die ungerechtesten Kriege zu liefern; statt Kriege zu beenden, hilft sie, Kriege zu rechtfertigen.“ Aus diesem Grund müsse die Idee des gerechten Krieges „revidiert und verbessert werden, damit sie nur noch im engsten Sinn verstanden werden könne.“ Papst Leo XIV. hatte genau dies in seiner ersten Enzyklika „Magnifica humanitas“ gefordert.
Der Glaubenshüter forderte eine grundlegende Überarbeitung der traditionellen Lehre vom gerechten Krieg. Diese solle so angepasst werden, dass sie nicht mehr als Rechtfertigung für offensive oder unverhältnismäßige Militäreinsätze dienen könne.
Inkonsequenz der EU
Neben Israel, den USA und Russland kritisierte Fernández in seiner Rede auch die EU. Ähnlich wie andere „weltweit stark kritisierte politische Führer“ sei auch die EU in ihrem Verhalten inkonsequent. So würden verfeindete Länder als antidemokratisch verurteilt und mit Sanktionen belegt. Wenn aber ein verbündetes Land Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Demokratie unterdrücke, sehe man darüber hinweg.
Weiter sagte Kardinal Fernández: „Die EU wendet wirtschaftliche Sanktionen gegen ein Land an, schickt aber gleichzeitig Geld und Waffen in ein anderes.“ Das tue sie auch „angesichts noch schwerwiegenderer Angriffskriege mit noch grausameren Folgen für die gesamte Bevölkerung.“ Diese „Strategie der Inkohärenz“ zeige, dass es derzeit in der Politik keinen stabilen Bezugsrahmen für Wahrheit und Werte mehr gebe.
Chance für die Kirche
Für die Kirche ergebe sich in dieser Situation eine unerwartete Chance. Sie könne jetzt ihre Soziallehre mit ihrer Integrität, Wahrheit und Kohärenz verkünden, die in der Politik und in Ideologien fehlten. Der Kardinal betonte, dass die Kirche in einer Welt der moralischen Unklarheit eine klare Stimme sein könne.
Das außerordentliche Konsistorium der Kardinäle tagt noch bis zum Wochenende im Vatikan. Neben Fernández' Rede stehen weitere Themen auf der Agenda, darunter die Situation der Christen im Heiligen Land und die Rolle der Kirche in Konflikten weltweit.



