Nach dem dramatischen WM-Halbfinal-Aus Englands gegen Argentinien (1:2) hat sich ein Sturm der Entrüstung gegen Nationaltrainer Thomas Tuchel erhoben. Auslöser ist die defensive Taktik des 52-Jährigen nach der frühen Führung durch Anthony Gordon. Tuchel wechselte drei Verteidiger ein und stellte auf eine Fünferkette um, woraufhin Argentinien durch einen späten Doppelschlag das Spiel drehte und ins Finale einzog.
Thomas Müller: „Ich verstehe es nicht“
„Ich kann es nicht fassen und nicht verstehen, wie England dieses Spiel nach der Führung angegangen ist. Ich kann nicht begreifen, wie sie die Argentinier eingeladen haben, aus idealen Positionen eine Flanke nach der anderen zu schlagen“, sagte Thomas Müller in einem Instagram-Video. Der ehemalige Nationalspieler äußerte sich damit als einer der ersten prominenten Kritiker.
Auch Wayne Rooney zeigte sich fassungslos: „Wenn man Messi und Argentinien erlaubt, dass sie auf einen zustürmen, dann sucht man förmlich nach Ärger. Die Wechsel, die wir vorgenommen haben, haben uns nicht geholfen. Ich bin am Boden zerstört.“ Gary Lineker ergänzte: „Es ist absolut unbegreiflich, dass man ausgerechnet gegen den besten Fußballspieler aller Zeiten die Taktik verfolgt, seine Spieler tief stehenzulassen.“
Michael Owen: „Dieselbe Geschichte“
Michael Owen, Ballon-d'Or-Gewinner von 2001, kritisierte auf X die mangelnde Courage: „Welche Botschaft sendet das aus? Solange wir nicht verstehen, dass Mut und Courage bedeuten, unter Druck den Ball in den eigenen Reihen zu halten und das Spiel zu kontrollieren – statt den Ball einfach 40 Meter nach vorn zu schlagen oder zu köpfen –, wird das Ergebnis immer dasselbe sein.“ Er zog einen Vergleich zur spanischen Mannschaft, die am Vortag gegen Frankreich ebenfalls eine 1:0-Führung souverän verwaltet hatte: „Schaut euch an, wie Spanien gestern beim Stand von 1:0 gespielt hat. Das ist Courage. Das ist Mut. Und dann schaut euch England beim Stand von 1:0 an.“
Micah Richards, ehemaliger Profi von Manchester City und heutiger TV-Experte, sah die Schuld ebenfalls bei Tuchel: „Heute hat er es falsch gemacht. Und das muss er akzeptieren. Sobald wir das Tor erzielt hatten, hatten wir keine Anspielstation mehr nach vorn. Kane war im Spiel völlig erschöpft. Da hätte man sich Ollie Watkins gewünscht, jemanden, der hinter die Abwehr laufen und uns nach vorn bringen kann.“
Kyle Walker sieht keinen Fortschritt
Kyle Walker, der im Frühjahr seine Karriere im Nationalteam beendet hatte, zog einen Vergleich zur Ära von Gareth Southgate: „Es ist dieselbe Geschichte, die ich in den letzten zehn Jahren meiner Karriere erlebt habe. Wenn man für England spielt, gibt es immer ein 'Wenn', ein 'Aber' und ein 'Vielleicht'.“
Tuchel selbst zeigte sich nach der Niederlage selbstkritisch, aber auch trotzig: „Ich hatte nicht das Gefühl, dass offensive Wechsel helfen würden. Natürlich gibt es danach immer Leute, die es besser wissen. Ich übernehme die Verantwortung.“ England hatte 60 Jahre nach dem bislang einzigen WM-Titel auf den erneuten Gewinn des goldenen Pokals gehofft. Stattdessen folgt nun das Aus im Halbfinale – eine bittere Enttäuschung für Spieler, Trainer und Fans.



