Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat sich die Nato radikal verändert. Doch Moskau ist nicht das einzige Problem, mit dem die Allianz zu kämpfen hat. Beim Nato-Gipfel in Ankara, der an diesem Dienstag beginnt, sind die Europäer vor allem mit einem Ziel angetreten: einen Eklat mit US-Präsident Donald Trump zu vermeiden, um keinen Zweifel an der Einigkeit der 32 Mitgliedstaaten aufkommen zu lassen.
Trumps Attacken vor dem Gipfel
US-Präsident Donald Trump bereitet den Alliierten große Sorgen. Bereits vor dem Gipfel keilt er gegen die Verbündeten und bezeichnet deren Beiträge für das Verteidigungsbündnis auf der Plattform Truth Social als „lächerlich“. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat diesen Vorwurf postwendend zurückgewiesen: Deutschland verdoppele gerade seinen Verteidigungsetat innerhalb von vier Jahren. Diese Tatsache dürfte Trump, der sich von Fakten generell wenig irritieren lässt, nicht beeindrucken.
Dabei schien der Streit um den Anteil der einzelnen Staaten am Nato-Haushalt ausgeräumt. Auf dem richtungsweisenden Gipfel im Juni 2025 beschlossen die Mitglieder der Allianz, bis 2035 mindestens 3,5 Prozent ihres jeweiligen Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung auszugeben sowie zusätzlich 1,5 Prozent des BIP für verteidigungsrelevante Ausgaben vorzuhalten. Auch damals hatte Trump die Partner unter Druck gesetzt und sogar mit dem Austritt der Vereinigten Staaten aus dem Bündnis gedroht. Am Ende stand Trump als Sieger da und bekräftigte das „unumstößliche Bekenntnis zur kollektiven Verteidigung“.
Wut auf Europäer wegen Iran-Konflikt
Doch inzwischen hat das zögerliche Verhalten einiger europäischer Staaten während der US-Angriffe auf den Iran die schwelende Wut auf die Europäer erneut befeuert. Nicht alle Länder würden ihre Versprechen einhalten, sagte Trump kürzlich. In Ankara soll die Entwicklung bei den Verteidigungsausgaben deshalb noch einmal bewertet werden – und Amerika droht, seine Zahlungen zu kürzen.
Angesichts solcher polternden Auftritte erinnern sich Nato-Diplomaten fast wehmütig an den Gipfel in Washington zum 75. Geburtstag der Nato im Juli 2024. Auch damals wurden von den USA richtungsweisende Entscheidungen gefällt: Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hatte der Kalte Krieg wieder Einzug in Europa gehalten.
Zeitenwende unter Biden
Die sicherheitspolitische Zeitenwende geschah bei den Treffen allerdings geradezu geräuschlos. Denn der US-Präsident hieß damals noch Joe Biden, der vielleicht letzte Transatlantiker in diesem Amt. Wegen der Bedrohung durch Russland verkündete er, in Deutschland von 2026 an wieder Waffensysteme stationieren zu wollen, die weit bis nach Russland reichen. Darunter sollten Marschflugkörper vom Typ Tomahawk sein, die auch nuklear bestückt sein können.
Doch schon zu jenem Zeitpunkt schien die Rückkehr von Trump ins Weiße Haus ein realistisches Szenario. Jedem war klar, dass er das Stationierungsvorhaben rückgängig machen würde, sollte er die Wahl gewinnen – was er schließlich auch tat.
Geheime Pläne für den Verteidigungsfall
Auch ein Jahr zuvor, beim Nato-Gipfel 2023 in Vilnius, hatten sich die spektakulären Veränderungen geräuschlos vollzogen. Nach dem Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine hatten sich die Militärstrategen der Allianz mit dem scheinbar Unmöglichen beschäftigt: einem Überfall Moskaus auf das Baltikum oder Polen. Beim Nato-Gipfeltreffen in Litauen bestätigten die Staats- und Regierungschefs geheime Pläne für den Fall der Fälle. Auf mehr als 4400 Seiten wird darin festgelegt, wie kritische Orte im Bündnisgebiet geschützt und verteidigt werden sollen.
Mit den Plänen schlugen die Nato-Mitglieder ein altes Kapitel neu auf. Sie entsprechen in Grundzügen den Dokumenten, die es in der Zeit des Kalten Kriegs gab. Definiert wird, welche militärischen Fähigkeiten zur Abschreckung und Abwehr von Angriffen notwendig sind. Neben Land-, Luft-, und Seestreitkräften sind dieses Mal auch Cyber- und Weltraumfähigkeiten eingeschlossen. Der Gipfel in Vilnius markierte somit für die Nato den ersten Schritt in ein neues Zeitalter.



