Der ukrainische Drohnenangriff auf zwei Niederlassungen des russischen Versandhändlers Wildberries hat nach Einschätzung von Oberst Markus Reisner vor allem psychologische Wirkung. „Der Angriff auf Wildberries beeindruckt und ernüchtert die Einwohner in der Hauptstadt Moskau, dem vermeintlichen Zentrum Russlands. Der Krieg ist im täglichen Leben angekommen“, sagte der Historiker und Rechtswissenschaftler im Interview mit ntv.de.
Angriffe auf Logistikzentren als Strategie
Wildberries, 2004 gegründet, beschäftigt rund 50.000 Mitarbeiter und verkauft eine breite Produktpalette ähnlich wie Amazon. Mit dem Angriff zielen die Ukrainer laut Reisner darauf ab, den Druck auf die russische Bevölkerung zu erhöhen. „Der Durchschnittsrusse soll erkennen, dass der Krieg auch bei ihm ankommt und dass er ihn persönlich betrifft. Die Angriffe schaffen in der Bevölkerung Unruhe, genau vor der Duma-Wahl im September.“
Der Kreml antwortete umgehend mit einem Angriff auf das ukrainische Gegenstück AMTEL. „Sie haben einen sehr wichtigen Logistikkomplex angegriffen. Auch hier sind große Lagerhallen mit über 100.000 Quadratmetern beschädigt oder zerstört worden“, so Reisner. Es handle sich um einen der wichtigsten Logistik-Hubs der Ukraine.
Eskalation auf strategischer Ebene
Beide Seiten eskalieren bei den strategischen Luftangriffen Schritt für Schritt. „Auf der taktischen Ebene, also in den Kämpfen an der Front, können weder die Ukrainer noch die Russen vor oder zurück, dort herrscht weitgehend Stillstand“, erklärte der Oberst. Auf der operativen Ebene versuche die Ukraine, russische Logistikketten zur Krim zu unterbrechen, doch die Russen passten sich an. „Auf der Ebene der strategischen Luftangriffe sehen wir hingegen seit Tagen wieder einen sehr harten Schlagabtausch beider Armeen.“
In der vergangenen Nacht wurde ein weiterer Angriff auf eine russische Raffinerie gemeldet. Parallel dazu gingen die Angriffe auf die Versorgungslinien der Krim weiter, darunter auch auf die russische Schattenflotte im Asowschen Meer. Die Russen antworteten mit gezielten Angriffen auf ukrainische Getreidefrachtschiffe.
Schädigung der russischen Erdölindustrie
Der ukrainische Generalstab beziffert die Schädigung der russischen Erdölindustrie auf über 43 Prozent. „Das scheint realistisch, wenn man die Bilder von brennenden Raffinerien anschaut“, sagte Reisner. Paradoxerweise könne Russland die Einnahmeausfälle durch den Iran-Krieg kompensieren. „Durch die schweren Angriffe der USA und des Irans in den vergangenen Tagen ist der Ölpreis wieder gestiegen. Russland exportiert zwar weniger Öl, bekommt aber dafür umso mehr Geld.“
Russland liefere weiterhin Öl an China und Indien. „Das Verhältnis zwischen Russland und China ist sehr eng, gerade auch auf der militärischen Ebene“, betonte Reisner. China unterstütze Russland militärisch und profitiere von den Kriegserfahrungen. Indien kaufe Öl zu billigen Preisen und verkaufe es teurer an europäische Länder weiter. „Gerade letzte Woche hat ein Bericht offengelegt, dass EU-Länder wieder enorme Mengen von russischem Gas abgenommen haben und damit dem Kreml helfen, die EU-Sanktionen zu umgehen.“
Umgehung der EU-Sanktionen
Indien kauft Öl von der russischen Schattenflotte, die rund 800 Schiffe umfasst. „Zwei Tanker treffen sich im Mittelmeer, das Öl wird umgeladen und ist plötzlich nicht mehr russisch, sondern indisch. Dann wird es an europäische Staaten weiterverkauft“, erklärte Reisner. Auch deshalb habe die Ukraine begonnen, Schiffe der Schattenflotte anzugreifen, weil man mit den Wirkungen der EU-Sanktionen nicht zufrieden sei.
Die EU schließe teilweise die Augen, um eigene Mitgliedstaaten zu schonen. „Auf der einen Seite gehen Streitkräfte europäischer Staaten gegen die Schattenflotte vor, boarden sowie beschlagnahmen einzelne Schiffe und setzen sie fest. Man zeigt also durchaus punktuell den Willen, etwas gegen die Umgehung der Sanktionen zu tun. Andererseits ist die wirtschaftliche Situation in vielen EU-Ländern angespannt, weshalb man sie zähneknirschend dann doch toleriert.“ Der größte russische Exportdienstleister habe im ersten Halbjahr 2026 über 136 Tanker mit Flüssiggas nach Europa geschickt, vor allem nach Frankreich, Belgien und Spanien.
Rekordzahl ballistischer Raketen auf Kiew
In der jüngsten Angriffswelle wurde Kiew von 41 ballistischen Raketen getroffen, eine Rekordzahl. Reisner sieht eine veränderte Taktik der Russen: „Die Zahl einfliegender Geran-2-Drohnen hat abgenommen. Das lässt sich ziemlich sicher darauf zurückführen, dass die Industrie auf die neue Generation von Geran 4 und Geran 5 umstellt, die schneller fliegen.“ Zudem kämen kaum noch Marschflugkörper zum Einsatz. „Die dritte Beobachtung ist die enorme Zunahme des Einsatzes ballistischer Raketensysteme.“
Die Ukraine leide unter Munitionsknappheit für ihre Patriot-Systeme. „Vor kurzem wurde eine zweistellige Zahl von Fliegerabwehr-Lenkflugkörpern ins Land geliefert, aber man kommt bei weitem nicht auf die Zahl, die in früheren Zeiten des Krieges zur Verfügung standen. Videos aus der Ukraine vom Wochenende zeigen kaum Starts von Patriot-Abwehrraketen. Die Russen nutzen das und erzielen mit ihren ballistischen Raketen die entsprechende Wirkung.“
Neue Drohnentypen und russische Raketenbestände
Die alten Geran-2-Drohnen wurden wegen ihres Moped-ähnlichen Geräuschs „fliegendes Moped“ genannt. „Die Modelle Geran 4 und 5 werden von Raketenmotoren angetrieben, was sie mit bis 500 km/h deutlich schneller macht und schwieriger abzufangen“, so Reisner. Die neuen Drohnen würden in der Sonderwirtschaftszone Apaluga im Dreischichtsystem unter anderem von nordkoreanischen Arbeitssklaven produziert, mit einer prognostizierten Produktionsrate von 130.000 Stück in diesem Jahr.
Der ukrainische Geheimdienst schätzt die russischen Raketenbestände auf über 100 ballistische Iskander M, über 60 Iskander-K Marschflugkörper, etwa 100 hypersonische Kinschal, über 450 Kalibr und 600 Oniks sowie 120 hypersonische Zircon. „Zusammengerechnet ergibt sich ein Potenzial, das es dem Kreml ermöglichen wird, in den kommenden Winter hinein und über den Winter einen weiteren massiven strategischen Luftkrieg gegen die Ukraine zu führen“, warnte Reisner. „Darum versucht die ukrainische Seite gerade, ihren Druck auf Russland bis zur Unerträglichkeit zu erhöhen – in der Hoffnung auf einen Waffenstillstand, bevor der Herbst beginnt.“
Abberufung von Verteidigungsminister Fedorow
Der Erfolg der Ukraine wird zu großen Teilen dem Wirken des ehemaligen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow zugeschrieben, der vor wenigen Tagen abgelöst wurde. „Fedorow war einer der wesentlichen Architekten des ukrainischen Erfolges der letzten Monate“, sagte Reisner. Er habe die Isolierung der Krim durch Angriffe auf logistische Versorgungslinien vorangetrieben, den Ausbau der Mittelstrecken-Angriffe, die Zusammenarbeit mit Palantir und anderen KI-Unternehmen sowie das Brave-1-Portal, auf dem ukrainische Einheiten Drohnen einkaufen können.
Fedorow sei auch beliebt gewesen, weil er den Ansatz verfolgt habe, Soldaten durch Roboter und Drohnen zu ersetzen. „Das ist für einen Soldaten, der womöglich seit mehreren Jahren an der Front kämpft und völlig ausgelaugt ist, ein Hoffnungsschimmer“, so Reisner. Präsident Selenskyj habe jedoch kritisiert, dass Fedorow nicht die Zahl der Soldaten gesteigert habe. „Viele wiederum vermuten, dass er der Korruption entgegentreten wollte. Was wir hier sehen, ist der Kampf herkömmlicher starrer Ideen und Methoden gegen maximale Flexibilität und Innovation.“ Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer.



