Nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela hat Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) die Hilfe der Bundeswehr angeboten. Wie das Verteidigungsministerium mitteilte, sollen bis zu sechs Transportflugzeuge vom Typ A400M bereitgestellt werden, um Personal und Material des Technischen Hilfswerks (THW) und des Deutschen Roten Kreuzes nach Venezuela zu fliegen sowie Transportflüge innerhalb des Landes zu ermöglichen.
„Die Nachricht von den vielen Tausenden Toten in Venezuela hat mich tief erschüttert“, erklärte Pistorius. „Jetzt gilt es, schnell Hilfe zu leisten.“
Mindestens 32 Tote und 700 Verletzte bestätigt
Nach ersten offiziellen Angaben der geschäftsführenden Präsidentin Delcy Rodríguez kamen bei den Beben mindestens 32 Menschen ums Leben, rund 700 wurden verletzt. Die US-Erdbebenwarte USGS befürchtet jedoch weitaus höhere Opferzahlen. Einer Modellrechnung zufolge könnte die Zahl der Toten in die Tausende gehen; mehr als 10.000 Tote seien wahrscheinlich, hieß es.
Die beiden schweren Erdbeben erschütterten am späten Mittwochnachmittag (Ortszeit) den Norden und das Zentrum Venezuelas und brachten in der Hauptstadt Caracas zahlreiche Gebäude zum Einsturz. Rodríguez sprach von einer Tragödie und einem Erdbeben „noch nie dagewesenen Ausmaßes“ in dem südamerikanischen Land.
Notstand ausgerufen – Rettungsarbeiten laufen
In einer Ansprache hatte Delcy Rodríguez den Notstand ausgerufen und von einem „Vorfall mit schwerwiegenden Folgen“ gesprochen. Es habe bereits 20 Nachbeben gegeben. Zahlreiche Gebäude seien in der Region La Guaira eingestürzt. Priorität hätten nun die Rettungsarbeiten, sagte Rodríguez. Der Schulunterricht werde ausgesetzt, der Zugverkehr eingestellt. Auch der internationale Flughafen der Hauptstadt Caracas habe wegen Schäden den Betrieb eingestellt. Das Parlament sagte seine für Donnerstag geplante Sitzung ab.
Rettungskräfte suchen unter den Trümmern nach zahlreichen Verschütteten. Innenminister Diosdado Cabello bestätigte im staatlichen Fernsehen den Einsturz mehrerer Gebäude und Wohnhäuser in der Hauptstadt. Die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei seien alarmiert worden und kümmerten sich mit allen verfügbaren Mitteln um die Lage, sagte er.
Zwei Beben innerhalb von Sekunden
Innerhalb von weniger als einer Minute erschütterten am Mittwochabend (Ortszeit) zwei sehr starke Erdbeben Venezuela. Die USGS gab die Stärke der Erschütterungen mit 7,2 und 7,5 an. Zwischen beiden Erschütterungen lagen laut USGS nur 39 Sekunden. Das erste Beben ereignete sich um 18.04 Uhr (Ortszeit; 0.04 Uhr MESZ Donnerstag) 24 Kilometer östlich von San Felipe im Nordwesten des Landes in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite, stärkere Erdbeben ereignete sich wenige Kilometer weiter nördlich in nur rund zehn Kilometern Tiefe. Wegen der geringen Tiefe war mit großen Schäden und Opfern zu rechnen.
Aufnahmen zeigten Rettungskräfte, die bei Einbruch der Dunkelheit in die Trümmer stiegen, während verzweifelte Angehörige nach ihren Familienmitgliedern suchten. In einem Krankenhaus in Caracas stürzten Deckenplatten herab. In den sozialen Medien kursierten zudem unbestätigte Videos von schweren Schäden am Hauptflughafen des Landes sowie von eingestürzten Gebäuden in der Küstenstadt La Guaira.
Lokale Rettungsaktionen und internationale Hilfe
Im Hauptstadtbezirk Chacao konnten laut Bürgermeister Gustavo Duque allein aus einem Haus 18 Überlebende gerettet werden. Er rief die Bevölkerung auf, wegen möglicher Nachbeben auf öffentlichen Plätzen Schutz zu suchen. Im Küstenbundesstaat Falcon gab es nach Angaben von Gouverneur Victor Clark 22 Verletzte, zudem würden 15 Erwachsene vermisst. In Krankenhäusern wie dem Hospital de Clinicas in Caracas wurde das Personal für die Nachtschicht verdoppelt, um die Verletzten zu versorgen.
Die USA kündigten die sofortige Entsendung von Rettungskräften an. „Amerika steht in dieser schwierigen Zeit an der Seite des venezolanischen Volkes“, erklärte Außenminister Marco Rubio am Donnerstag im Onlinedienst X. Auf Anweisung von Präsident Donald Trump würden unverzüglich Such- und Rettungsmannschaften, medizinische Ressourcen und humanitäre Hilfe in das südamerikanische Land gesandt. Trump hatte sich bereits auf Truth Social geäußert: „Wir werden für unsere neuen und großartigen Freunde da sein“, schrieb er. „Die ersten Berichte sind nicht gut!!!“
Das US-Tsunami-Warnzentrum gab zunächst eine Warnung für Puerto Rico, die Jungferninseln sowie die vor der Küste Venezuelas gelegenen Inseln Aruba, Curaçao und Bonaire heraus. Diese wurde jedoch nach etwa einer Stunde wieder aufgehoben.
Seismische Aktivität und historische Beben
Venezuela liegt in einer seismisch aktiven Zone, in der die Karibische und die Südamerikanische Erdplatte aufeinandertreffen. Nach Angaben der USGS kamen im März 1812 bei einem schweren Erdbeben in den Städten Mérida und Caracas schätzungsweise 30.000 Menschen ums Leben.
„Wir haben es mit einer äußerst alarmierenden Situation zu tun“, sagte Innenminister Cabello im Fernsehen. In mindestens sieben Bundesstaaten sowie in Caracas sei das Beben zu spüren gewesen. Einige Gebäude seien eingestürzt. Er rief die Menschen dazu auf, an sicheren Orten zu bleiben. Nach schweren Erdbeben seien normalerweise Nachbeben zu erwarten, die bereits beschädigte Gebäude zum Einsturz bringen könnten, warnte der Minister. Um Explosionen zu verhindern, hätten die Behörden angeordnet, die Gaszufuhr zu unterbrechen.
Epizentrum und Auswirkungen
Das Epizentrum des ersten Bebens lag den Angaben zufolge 24 Kilometer östlich von San Felipe im Nordwesten des Landes in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite Erdbeben ereignete sich nur wenige Kilometer weiter nördlich. Allein in den relativ nahe gelegenen Städten Puerto Cabello und San Felipe leben nach USGS-Angaben zusammen etwas mehr als 400.000 Menschen. Die Millionenstadt Caracas, aus der die ersten Bilder und Berichte kamen, lag mehr als 150 Kilometer östlich des Epizentrums.
Das Beben ereignete sich an einem gesetzlichen Feiertag zur Unabhängigkeit des Landes, weshalb sich viele Venezolaner in ihren Häusern aufhielten. In Caracas, das das letzte Mal 1967 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht worden war, flohen die Menschen in Panik auf die Straßen.
Eine 57-jährige Einwohnerin aus Caracas berichtete der Deutschen Presse-Agentur: „Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Angst gehabt, es war fürchterlich. Bei uns in der Nähe sind zwei Hochhäuser eingestürzt, am Nachbargebäude fehlen Wände.“ Ihr Hochhaus sei aber weitgehend verschont geblieben. In ihrer Wohnung seien Möbel umgestürzt und Bilder von den Wänden gefallen, alles sei voller Scherben. Die Erschütterungen seien so stark gewesen, dass sie und ihr Mann zunächst gar nicht aus dem Zimmer gekommen seien. Zusammen mit Nachbarn seien sie dann schließlich auf die Straße gerannt. Zwei Anwohner hätten aus dem Aufzug befreit werden müssen. Nach den Beben sei stundenlang der Strom ausgefallen, auch das Mobilfunknetz habe nicht funktioniert.
Internationale Hilfsangebote
Das US-Außenministerium richtete einen Krisenstab ein, um in Absprache mit der venezolanischen Regierung Such- und Rettungsmannschaften sowie humanitäre und medizinische Hilfe zu schicken. Der Präsident von El Salvador, Nayib Bukele, schrieb auf X, es stünden 300 Rettungskräfte und Sanitäter sowie 50 Tonnen Hilfsgüter bereit, um nach Caracas gebracht zu werden. Der Präsident der Dominikanischen Republik, Luis Abinader, erklärte, spezialisierte Such- und Rettungsteams der Streitkräfte würden am Morgen nach Venezuela aufbrechen. Auch Brasilien signalisierte Hilfsbereitschaft. Rodríguez zufolge boten auch bereits andere Staaten Hilfe an.
Die venezolanische Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin María Corina Machado, die sich derzeit nicht in Venezuela aufhält, schrieb auf X: „Mein Herz, meine unendliche Umarmung und meine Gebete gelten in diesen Stunden der Not jeder venezolanischen Familie. Mögen Stärke, Ruhe und Solidarität in dieser schwierigen Zeit unter uns herrschen.“



