Die Fifa hat die Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun für das Achtelfinalspiel gegen Belgien aufgehoben – nachdem sich US-Präsident Donald Trump offenbar persönlich beim Präsidenten des Weltfußballverbands, Gianni Infantino, dafür eingesetzt hat. Dies berichteten am Sonntag übereinstimmend das Sportportal „The Athletic“ (gehört zur „New York Times“), das Wall Street Journal (WSJ) und die Nachrichtenagenturen AP und AFP. Balogun hatte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina eine Rote Karte erhalten. Mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen bestätigten den Medien den ungewöhnlichen Vorgang.
Trumps persönlicher Einsatz und die Aufhebung der Sperre
So sollen US-Handelsminister Howard Lutnick und Andrew Giuliani, die Leiter der WM-Taskforce des Weißen Hauses, nach dem besagten Spiel mehrere Telefonkonferenzen mit Trump organisiert haben, schreibt das WSJ. Die Sperre, so sollen sie Quellen der Zeitung zufolge gesagt haben, sei nicht nur unverdient, sie drohe die Chancen der US-Mannschaft zu untergraben, wenn die Amerikaner am Montag in Seattle im Kampf um einen Viertelfinalplatz auf Belgien träfen. Trump selbst soll zum Telefon gegriffen und Infantino kontaktiert haben. Weder die Fifa noch das Weiße Haus haben die Information bislang offiziell kommentiert. Die Fifa hatte die Sperre für Balogun dann am Sonntag überraschend aufgehoben.
Balogun, mit bislang drei Turniertreffern bester Torschütze seines Teams bei der WM, steht der US-Mannschaft somit im Achtelfinale gegen Belgien in der Nacht zum Dienstag (MESZ) zur Verfügung. Trump wiederum zögerte nicht und meldete sich umgehend über Truth Social, als die Fifa Balogun für spielberechtigt erklärte. „Vielen Dank an die Fifa, dass ihr das gemacht habt, was richtig ist, und eine große Ungerechtigkeit wiedergutgemacht habt.“ Der 80-Jährige war bislang bei keinem WM-Spiel vor Ort, wird aber spätestens zum Endspiel am 19. Juli in East Rutherford bei New York im Stadion erwartet.
Belgien wehrt sich gegen Fifa-Entscheidung
Der belgische Fußballverband hatte der Fifa nach der Aufhebung der Rot-Sperre schwere Vorwürfe gemacht und weitere Schritte angekündigt. Der Verband sehe „keine andere Möglichkeit, als die Spielberechtigung Baloguns für das bevorstehende Spiel anzufechten“, hieß es in einer Stellungnahme des Königlichen Belgischen Fußballverbands (RBFA) kurz vor dem Achtelfinale der Belgier gegen die USA am Dienstag (2.00 Uhr/MESZ). Zuvor hatten die Belgier mitgeteilt, dass sie ein Schreiben an die Fifa gerichtet hätten – mit der Bitte, eine Kopie der Entscheidung im Fall Balogun und eine Erläuterung des angewandten Verfahrens zu bekommen. Als einzige Reaktion habe der RBFA ein Schreiben der Fifa erhalten, in dem sie erklärte, die Korrespondenz als Berufung zu werten. Zudem teilte der Weltverband den Angaben nach mit, dass bereits ein Richter bestellt worden sei und dem RBFA nur wenige Stunden blieben, um diese Berufung zu vervollständigen.
Das Problem: Nach den eigenen Regularien der Fifa sei eine Berufung nur zulässig, wenn dem Berufungsführer zuvor die begründete Entscheidung zugestellt wurde, so der RBFA. „Obwohl der RBFA lediglich berechtigte Erklärungen verlangte, konstruierte die Fifa selbst ein Berufungsverfahren und sorgte zugleich dafür, dass dieses als unzulässig eingestuft werden würde“, hieß es im Statement der Belgier. „Unabhängig vom sportlichen Ausgang dieser Partie ist der RBFA über den Verlauf der Ereignisse zutiefst besorgt“, schrieb der Verband weiter. Der RBFA werde sich „auch in den kommenden Stunden, Tagen und Monaten weiterhin für die grundlegenden Prinzipien von Ethik, fairem Wettbewerb und die Interessen des Fußballs insgesamt einsetzen“.
Bereits zuvor hatten die Belgier Konsequenzen nicht ausgeschlossen und sich in einem Statement des Verbandes zu Wort gemeldet. „Wir verteidigen nicht Belgien, wir verteidigen den Fußball. Das ist das erste Mal in der WM-Geschichte, dass so eine Entscheidung getroffen wird“, sagte Belgiens Trainer Rudi Garcia und ergänzte: „Ich wusste nicht, dass der 5. Juli bei der WM wie der 1. April ist. Es klingt wie ein schlechter Scherz.“ Von den US-Fußballern, die die Entscheidung begrüßten, war zu vernehmen, dass mancher die Nachricht zunächst für einen mit KI erstellten Fake hielt.
Kritik aus Fußballwelt: Klopp, Blatter und UEFA üben scharfe Kritik
Der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp kommentierte zu dem Vorfall bei MagentaTV: „Wenn das wirklich Trump und Infantino ausgemacht haben, das ist verrückt.“ Der frühere Fifa-Präsident Joseph Blatter kritisierte den Weg des Weltverbandes via X: „Wenn ein US-Präsident beim Fifa-Präsidenten interveniert – und ein Spieler plötzlich vor einem K.-o.-Spiel der Weltmeisterschaft freigesprochen wird –, stellt sich unweigerlich die Frage: Quo vadis, Fifa?“ Die UEFA rügte den Vorfall in einem Statement: „Die gestrige Entscheidung, die Umsetzung der automatischen Sperre für ein Spiel nach der Roten Karte für den Spieler Folarin Balogun für eine Probezeit von einem Jahr auszusetzen, hat eine rote Linie überschritten.“ Die Europäische Fußball-Union zeigte sich „angesichts einer solch beispiellosen, unverständlichen und ungerechtfertigten Entscheidung“ fassungslos.
Auch andere kritisieren den Vorgang scharf. Stale Solbakken, Nationaltrainer Norwegen, sprach von einer „schlechten, schlechten, schlechten Entscheidung, die der WM schaden wird“. Es tue ihm außerdem leid für die USA, zitiert ihn die Sportschau: „Wenn sie gewinnen, wird es immer in der Schwebe hängen.“
Balogun-Platzverweis und die Rolle des VAR
Dass Balogun beim Spiel gegen Belgien anstelle des ehemaligen Augsburgers Ricardo Pepi aufläuft, gilt als sehr wahrscheinlich. Daran änderten auch die Aussagen des US-Cheftrainers nichts. „Vielleicht ist meine Entscheidung auch, Balogun auf die Bank zu setzen. Unsere Stärke ist der ganze Kader“, erklärte Mauricio Pochettino, der nach 2002 für die zweite Viertelfinal-Teilnahme der USA in der WM-Historie sorgen könnte. Einen Grund dafür hätte er nicht, Balogun ist gesetzt.
Der Vorgang an sich erinnert an die WM 1962, als der Brasilianer Garrincha im Halbfinale Rot sah – und im Endspiel wenige Tage später trotzdem spielen durfte. Schiedsrichter-Experte Patrick Ittrich sagte dazu: „Das Interessante ist in der Tat, dass wir keine Begründung haben. Es wird irgendwann eine nachgeliefert und am Ende wissen wir nicht, worum es geht.“ In diesem Fall ist die Entscheidung der Fifa besonders bemerkenswert: Zwar wurde die Rote Karte gegen Balogun kontrovers diskutiert, da sein Tritt gegen Tarik Muharemovic in einem Zweikampf zwar hart, aber offensichtlich unabsichtlich war. Doch während der Partie in Santa Clara wurde sie offensichtlich für richtig befunden, schließlich wurde sie erst nach Überprüfung durch den Video Assistant Referee (VAR) verteilt.
Balogun hatte beim 2:0 erst das Führungstor erzielt (45. Minute) und später die Rote Karte (64.) gesehen. Geht es nach US-Trainer Mauricio Pochettino, war bereits der Platzverweis Anfang dieser Woche ein klarer Fehler von Referee Raphael Claus aus Brasilien. „Ich denke, wir müssen feiern, dass das eine faire Entscheidung ist, uns nicht noch mehr zu bestrafen. Das war schon genug“, sagte der Argentinier bei der Pressekonferenz in Seattle.
Fifa macht Gebrauch von Artikel 27 – und sorgt für Empörung
Als Begründung verwies die Fifa auf Artikel 27 des Disziplinarreglements, wonach die Durchführung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise ausgesetzt werden kann. Baloguns Sperre werde für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt. Sollte sich der Angreifer in dieser Zeit „einen weiteren Verstoß gleicher Art und Schwere“ erlauben, werde die Sanktion vollstreckt. Es ist nicht das erste Mal, dass die Fifa von Artikel 27 Gebrauch macht. Erst im Vorjahr sah Portugals Superstar Cristiano Ronaldo im vorletzten Quali-Spiel gegen Irland eine Rote Karte für einen Ellbogenschlag. Der Weltverband sperrte Ronaldo für eine Partie und setzte die weiteren beiden Partien zur Bewährung aus, sodass der Kapitän ab dem WM-Auftakt in den USA zur Verfügung stand.
Der Unterschied ist: Bei Ronaldo wurde die Sperre über den Regelpassus nur verkürzt, bei Balogun nun de facto aufgehoben. Sollte sich der Stürmer bei dieser WM kein weiteres Vergehen leisten, steht schon jetzt fest, dass eine Strafe bei einem weiteren Vergehen zu einem Zeitpunkt folgen würde, der nicht annähernd so bedeutend für die USA ist wie das anstehende Achtelfinale. Balogun (AS Monaco) ist mit drei Toren der erfolgreichste Angreifer der USA.
Es wird spannend zu sehen sein, inwiefern es beim Duell mit den Belgiern um den alternden Mittelfeldspieler Kevin De Bruyne wirklich um den Sport und die WM-Begegnung gehen wird – oder ob der Fall Balogun den Fußball plötzlich überlagert. Die unerwartete Entscheidung der Fifa samt der Vorwürfe einer politischen Einmischung aus dem Weißen Haus stellt die Integrität des Weltverbandes infrage. „Das ist in Teilen unerträglich, was da passiert“, sagte Ittrich.



