In den USA gibt es eine Frage, auf die keine lange Antwort passt: Wer gewann die Präsidentschaftswahl 2020? Die Antwort lautet: Joe Biden. Zwei Wörter, drei Sekunden. Doch am Hofe Donald Trumps ist dieser Satz zur Mutprobe geworden. Wer ihn umgeht, beweist Verwendbarkeit; die anderen werden aussortiert.
Sprachliche Verrenkungen als Loyalitätstest
Jay Clayton, Trumps Kandidat für die Spitze aller 18 Geheimdienste, wurde von Senator Jon Ossoff wiederholt gefragt, wer vor sechs Jahren die Wahl gewonnen habe. Clayton antwortete roboterhaft, Joe Biden sei „zertifiziert“ worden und habe die meisten Wahlmännerstimmen erhalten. Das Verb „gewinnen“ wollte ihm nicht über die Lippen kommen. Die Wahrheit wurde verwaltungssprachlich einbalsamiert.
Todd Blanche, Trumps früherer Privatanwalt und Kandidat für die Spitze des Justizministeriums, zeigte in seiner Anhörung die gleiche Bereitschaft zur sprachlichen Verrenkung. Jeder im Saal wusste, warum: Die simple Wahrheit hätte seine Karriere beendet, bevor sie begonnen hätte.
„Neusprech“ nach George Orwell
Schon Trumps geschasste Vorgängerin Pam Bondi brachte es bei ihrer Anhörung fertig, Biden als rechtmäßig vereidigten Präsidenten anzuerkennen, ohne zu sagen, Trump habe die Wahl verloren. Die Formel lautet stets: zertifiziert, vereidigt, ins Amt gelangt. Niemals: besiegt. Die Wortwahl übernimmt, was früher der Hofknicks erledigte.
George Orwell nannte es „Neusprech“: eine Sprache, deren Zweck nicht darin besteht, Gedanken auszudrücken, sondern bestimmte Gedanken zu tabuisieren. Trumps Washington ist neusprachlich weit gekommen. Jeder Ehrgeizling, der in die Regierung strebt, kennt die gefährlichen Vokabeln: Biden gewann nicht. Trump verlor nicht. Der 6. Januar 2021 war kein blutiger Angriff auf das Kapitol, sondern ein „Liebesfest“ von „Patrioten“, die später von einem „instrumentalisierten“ Justizapparat verfolgt und als „Geiseln“ genommen wurden.
Loyalität statt Unabhängigkeit in Schlüsselämtern
Clayton und Blanche sind keine Hinterbänkler. Der eine soll sensible Geheimdienstinformationen bündeln, die dem Präsidenten missfallen könnten; der andere ist dafür verantwortlich, dass Justitia nicht auf einem Auge blind bleibt, wenn es die Mächtigen trifft. Ihre Ämter verlangen die Fähigkeit, unangenehme Sachverhalte klar auszusprechen. Doch wer schon an „Joe Biden hat gewonnen“ scheitert, wird später kaum sagen können: Herr Präsident, Ihr Befehl ist rechtswidrig.
Die stoische Beharrlichkeit von Jon Ossoff legte mehr frei als Hasenfüßigkeit. Man sah in quälender Echtzeit, wie Selbstzensur funktioniert. Trump musste nicht vorher anrufen. Niemand musste mit Entlassung drohen. Die Kandidaten haben die Schere des Präsidenten längst im Kopf. Sie kennen seine Empfindlichkeiten, seine Rachelust, seine Fixierung auf 2020. Sie bauen sich ihren Käfig selber.
Totalitäre Sprache beginnt im Kleinen
Totalitäre Sprache beginnt selten mit dem Verbot ganzer Bücher. Sie beginnt mit dem Tausch eines Verbs. Gewonnen wird zu zertifiziert. Angreifer werden zu Geiseln. Propaganda wird zu Wahrheit. Und aus einem Bewerber um ein Staatsamt wird ein Höfling, der die Wirklichkeit nur noch in den Worten seines Herrn betritt.
Dirk Hautkapp ist US-Korrespondent der FUNKE Zentralredaktion.



