Die Zukunft der Nato steht auf dem Spiel – das zeigt ein einziger Tag im Juni 2026, der die ganze Wankelmütigkeit des US-Präsidenten Donald Trump offenbarte. In Versailles, im Schloss der französischen Könige, ließ sich Trump von Emmanuel Macron feiern. Anlass war das 250-jährige Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit. Trump zeigte sich freundlich, stimmte einer gemeinsamen Erklärung zur Ukraine zu und brachte neue Sanktionen gegen Russland ins Spiel. Europas Regierungschefs atmeten auf.
Doch nur einen Tag später, in Brüssel, kippte die Stimmung. Trumps Verteidigungsminister Pete Hegseth nannte das Verhalten der Europäer im Irankrieg „beschämend“. Zwischen diesen beiden Auftritten liegt ein einziger Tag – und die Frage, ob das transatlantische Bündnis, die Nato, überhaupt noch eine Zukunft hat.
Analyse: Was steckt hinter Trumps Stimmungsschwankungen?
Im SPIEGEL-Podcast „Trumps Amerika“ sprach Host Juan Moreno vor dem großen Nato-Treffen in Ankara Anfang Juli mit Matthias Gebauer, Chefreporter beim SPIEGEL. Gebauer erklärte, dass Trumps wechselhafte Haltung gegenüber Europa und der Nato nicht neu sei. „Trump ist ein Stimmungsmensch“, so Gebauer. „Er reagiert auf persönliche Eindrücke und situative Vorteile.“ In Versailles habe er sich von der Pracht und der Aufmerksamkeit Macrons umgarnen lassen. In Brüssel hingegen sei er von seinen Hardlinern beeinflusst worden, die eine konfrontative Linie gegen Europa verfolgen.
Die Europäer müssten sich darauf einstellen, dass Trump keine verlässliche Größe sei. „Die Nato steht vor einer Zerreißprobe“, warnte Gebauer. „Wenn Trump nach seiner Wiederwahl weiter so unberechenbar agiert, könnte das Bündnis Schaden nehmen.“
Auswirkungen auf das Nato-Treffen in Ankara
Das Treffen in Ankara Anfang Juli gilt als richtungsweisend. Die Nato-Staaten müssen entscheiden, wie sie mit den USA unter Trump umgehen. Einige europäische Regierungen plädieren für eine stärkere Eigenständigkeit, andere setzen weiter auf die transatlantische Partnerschaft. „Die USA sind militärisch das Rückgrat der Nato“, so Gebauer. „Ohne sie wäre das Bündnis geschwächt. Aber die Europäer müssen lernen, mehr Verantwortung zu übernehmen.“
Laut einer aktuellen Umfrage des Pew Research Center glauben nur 42 Prozent der Deutschen, dass die USA unter Trump ein verlässlicher Partner sind. In Frankreich sind es sogar nur 38 Prozent. Das Misstrauen wächst.
Die Rolle von Verteidigungsminister Hegseth
Pete Hegseth, Trumps Verteidigungsminister, gilt als Hardliner. Seine Äußerungen in Brüssel waren kein Ausrutscher, sondern Teil einer Strategie. „Hegseth vertritt eine klare Linie: Die Europäer sollen mehr für ihre Verteidigung zahlen“, erklärte Gebauer. „Er kritisiert die europäische Zurückhaltung im Irankrieg und fordert mehr Engagement.“
Die Europäer reagierten verärgert. Ein EU-Diplomat sagte dem SPIEGEL: „Solche Vorwürfe sind kontraproduktiv. Wir arbeiten eng mit den USA zusammen, aber wir lassen uns nicht vorführen.“
Fazit: Die Zukunft der Nato bleibt ungewiss
Die Ereignisse in Versailles und Brüssel zeigen, wie schnell sich die Stimmung in Washington ändern kann. Die Nato steht vor einer ungewissen Zukunft. „Die nächsten Monate werden entscheidend sein“, so Gebauer. „Wenn Trump weiter zwischen Kooperation und Konfrontation schwankt, könnte das Bündnis zerbrechen.“ Die Europäer müssen sich darauf einstellen – und eigene Strategien entwickeln, um handlungsfähig zu bleiben.



