US-Sperre für Anthropic-KI alarmiert Sicherheitspolitiker
US-Sperre für Anthropic-KI alarmiert Sicherheitspolitiker

Berlin. Nach der US-Sperrung neuer KI-Modelle des Anbieters Anthropic haben führende Sicherheitspolitiker in Deutschland vor massiven Sicherheitsrisiken gewarnt. Man lebe in einem Zeitalter des Wettrüstens bei der Entwicklung von Hochleistungssoftware mit Künstlicher Intelligenz (KI), sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). In so einer Situation sei es gut, wenn man technologische Innovationen mitgestalten könne. Ansonsten drohe man, „sehr schnell zu den Opfern zu gehören“.

Dobrindt warnt vor Abhängigkeit

Es sei gut möglich, dass vergleichbare Fähigkeiten demnächst auch in China zur Verfügung stünden, gab Dobrindt zu bedenken. Für Europa sei es besser, sich eine ähnliche Fähigkeit anzueignen, anstatt sich auf Partner und Freunde zu verlassen. Der Minister eröffnete am Dienstag in Berlin ein Gemeinsames Zentrum von Bund und Ländern zur Abwehr hybrider Bedrohungen.

Anthropic hatte am Samstag nach einer Anordnung der US-Regierung den Zugang zu seiner erst vor wenigen Tagen veröffentlichten KI-Software blockiert. Regierungsbehörden wiesen das Unternehmen an, den Zugang aller Ausländer zu den KI-Modellen „Fable 5“ und „Mythos 5“ zu unterbinden. Weil sich dies technisch nur schwer kurzfristig umsetzen ließ, kappte Anthropic den Zugang zunächst für alle Nutzer weltweit.

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Geheimdienst-Kontrolleur kritisiert Abhängigkeit

Der Vorsitzende des Geheimdienste-Kontrollgremiums des Bundestags, Marc Henrichmann (CDU), sieht das US-Vorgehen kritisch. „Wenn ein einziger Verwaltungsakt in Washington über Nacht entscheidet, welche KI-Werkzeuge europäischen Behörden, Unternehmen und Forschern zur Verfügung stehen, dann ist das kein technisches Detail, sondern eine sicherheitspolitische Abhängigkeit“, sagte Henrichmann dem Handelsblatt.

„Beim Schutz kritischer Infrastrukturen dürfen wir uns nicht in eine Lage bringen, in der uns ein Partner jederzeit den Stecker ziehen kann“, betonte der CDU-Politiker. Wer im entscheidenden Moment auf ein Werkzeug angewiesen sei, das ein anderer ein- und ausschaltet, sei „erpressbar“.

Grüne: Weltweite IT-Sicherheit gefährdet

Der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz nannte die US-Anordnung „in höchstem Maße kurzsichtig“. „Es gefährdet nicht nur die weltweite IT-Sicherheit, es wird auch massive negative Auswirkungen auf die Nachfrage nach den Produkten von US-Anbietern haben“, sagte er dem Handelsblatt. „Denn die Entscheidung wird absehbar dazu führen, dass auch Formen der Kooperation in dem Bereich, von denen auch die USA profitieren, offen infrage gestellt werden.“

Die EU-Kommission war seit Wochen in Gesprächen mit Anthropic, um Zugang zu den neuesten Modellen zu bekommen. Ein Kommissionssprecher sagte, diese Gespräche gingen ungeachtet der US-Sperre weiter. Tatsächlich hatte die US-Firma bereits Gespräche mit der EU-Cybersicherheitsagentur Enisa begonnen.

SPD sieht strategisches Risiko

Johannes Schätzl, digitalpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sieht sich durch die Entwicklung bestätigt. „Die leistungsfähigsten KI-Modelle entwickeln sich zunehmend zu strategischen Technologien, über deren Verfügbarkeit Staaten entscheiden können“, sagte er dem Handelsblatt. „Dies stellt ein großes strategisches Risiko dar.“ Denn Europa verfüge bei den entscheidenden Zukunftstechnologien nicht über ausreichende eigene Handlungsspielräume.

Auch von Notz sieht gefährliche Abhängigkeiten. US-Präsident Donald Trump nutze den digitalen Bereich immer wieder, „um andere Länder und Staatengemeinschaften zu erpressen oder ihnen deutlich zu machen, was ihnen droht, wenn sie seinen Wünschen und Vorstellungen nicht folgen“. Zum Schutz kritischer Infrastrukturen sei es daher „dringend notwendig, Lücken schnellstmöglich zu identifizieren und international zu kooperieren“.

Forderungen nach mehr digitaler Souveränität

Henrichmann hält einen massiven Ausbau europäischer Technologien für unerlässlich. „Deutschland und Europa müssen endlich vom Beschwören der digitalen Souveränität ins Handeln kommen“, sagte er. „Wir brauchen eigene, leistungsfähige KI‑Fähigkeiten für unsere Sicherheitsbehörden, unsere Nachrichtendienste und unsere Wirtschaft.“

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Der SPD-Politiker Schätzl plädierte kurzfristig für eine deutliche Stärkung der Cybersicherheitsbehörde des Bundes (BSI) sowie von Forschungseinrichtungen. Sie müssten in die Lage versetzt werden, die Fähigkeiten von leistungsfähigsten KI-Systemen eigenständig zu analysieren und Risiken frühzeitig zu erkennen.

BSI-Präsidentin Claudia Plattner hatte bereits kurz nach der Vorstellung von „Claude Mythos Preview“ im April erklärt, ihre Behörde erwarte mit Blick auf das neue KI-Tool „Umwälzungen im Umgang mit Sicherheitslücken und in der Schwachstellenlandschaft insgesamt“. Es stellten sich auch „Fragen nationaler und europäischer Sicherheit und Souveränität“.