Am 20. September stehen die Berliner erneut vor der Wahlurne. In einer Serie blicken wir auf die Wahlkämpfe der Vergangenheit zurück. Der erste Teil widmet sich einem Ereignis, das die Stadt vor genau 50 Jahren erschütterte: der Entführung des CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz.
Der 27. Februar 1975: Ein Schock für Berlin
Es war ein Donnerstagmorgen, als Peter Lorenz auf dem Weg zu seiner Wahlkampfveranstaltung von bewaffneten Tätern überfallen wurde. Die Entführung durch die linksextreme „Bewegung 2. Juni“ – benannt nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 – lähmte den gesamten Wahlkampf. Die Täter forderten die Freilassung von sechs inhaftierten Genossen sowie ein Lösegeld. Die Berliner Polizei und der Senat standen vor einer beispiellosen Herausforderung.
Genau 24 Stunden nach der Entführung erreichte das Berliner Büro der Deutschen Presse-Agentur ein Foto, das Lorenz als Gefangenen zeigte. Das Bild ging um die Welt und verdeutlichte die Ernsthaftigkeit der Lage. Der Wahlkampf, der bis dahin von Sachthemen wie Wohnungsbau und Verkehrspolitik geprägt war, wurde schlagartig von der Geiselnahme überschattet.
Die Entscheidung: Wahlkampfabbruch und Verhandlungen
Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) und die Spitzen der anderen Parteien einigten sich darauf, den Wahlkampf sofort auszusetzen. „In einer solchen Situation gibt es keine politischen Differenzen mehr. Es geht nur noch um das Leben eines Menschen“, erklärte Schütz in einer Pressekonferenz. Die CDU zog ihre Wahlplakate zurück, SPD und FDP folgten diesem Beispiel. Die Straßen Berlins waren plötzlich frei von politischer Werbung.
Die Verhandlungen mit den Entführern führten letztlich zur Freilassung von Lorenz am 4. März 1975, nachdem die Regierung den Forderungen nachgegeben hatte. Die sechs inhaftierten Terroristen wurden in den Jemen ausgeflogen. Lorenz kehrte wohlbehalten zu seiner Familie zurück, doch der Wahlkampf war unwiderruflich verändert.
Auswirkungen auf die Wahl und die politische Kultur
Die Wahl selbst fand am 2. März 1975 unter dem Eindruck der Entführung statt. Die SPD gewann mit 42,6 % der Stimmen, die CDU kam auf 43,9 % – ein knappes Ergebnis, das ohne die Entführung vielleicht anders ausgefallen wäre. Lorenz selbst zog sich nach der Freilassung zunächst aus der Politik zurück, kehrte aber später zurück. Die „Bewegung 2. Juni“ wurde in den folgenden Jahren zerschlagen, doch die Entführung blieb als Trauma im kollektiven Gedächtnis Berlins haften.
Der Fall Lorenz zeigte, wie schnell politische Prozesse durch Terrorismus außer Kraft gesetzt werden können. Die Solidarität der Parteien über alle Grenzen hinweg war jedoch ein starkes Signal für die Demokratie. Berlin hatte gelernt, dass die Sicherheit der Bürger über parteipolitischen Interessen steht.



