Jens Spahn Rücktritt: Gemischte Reaktionen auf queeren Stadtfest in Berlin
Spahn-Rücktritt: Queeres Stadtfest zeigt gespaltene Meinungen

Das 32. Lesbisch-Schwule Stadtfest rund um den Nollendorfplatz und die Motzstraße in Berlin-Schöneberg hat am Wochenende rund 350.000 Besucher angezogen. Die Stimmung war ausgelassen, doch ein Thema dominierte die Gespräche: der Rücktritt von Jens Spahn als Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag. Spahn war über seine Familiengründung mittels Leihmutter in den USA gestolpert, was in der queeren Community und darüber hinaus für kontroverse Diskussionen sorgte.

LSU-Vertreter zeigen Respekt, aber auch Erleichterung

Sönke Siegmann, Bundesvorsitzender der Lesbisch-Schwulen Union (LSU), der Interessenvertretung von LSBTIQ*-Menschen in der CDU, zeigte sich respektvoll: „Dass er zurückgetreten ist, nötigt mir Respekt ab. Ich weiß, was er für ein Typ ist, und ich weiß auch, dass ihm das emotional sehr schwergefallen ist.“ Gleichzeitig räumte Siegmann Erleichterung ein: „Es war am Ende die richtige Entscheidung. Ich habe in den vergangenen drei Tagen am Stand auf der Straße so viel Aggression erlebt, auch von Bürgern, die ich kenne, dass ich denke: Das tut unserer Partei gerade gut.“

Siegmann betonte, dass es vielen nicht nur um die umstrittene Leihmutterschaft gehe, sondern dass diese der sprichwörtliche Tropfen gewesen sei, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Er kritisierte Spahns Umgang mit der Maskenaffäre: „Ich hätte mir schon beim Thema Masken gewünscht, dass er nicht nur scheibchenweise das zugibt, was sowieso schon alle wissen, sondern Verantwortung zeigt und sagt: Ich habe Scheiße gebaut. Irgendwie hat sich da unsere Fehlerkultur verschoben.“

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Berliner LSU-Chef: Kommunikative Fehler und Konsequenz

René Powilleit, Berlin-Chef der LSU, ergänzte: „In dieser Härte hätte man sicher nicht mit ihm umgehen müssen.“ Allerdings habe Spahn kommunikative Fehler gemacht, sein Rücktritt sei die „logische Konsequenz“. Hätte Spahn schon vor einem Jahr offen gesagt, dass sich seine Haltung geändert habe und er eine Entscheidung treffen wolle, die nicht der Parteilinie entspreche, und dafür um Respekt gebeten, wäre die Sache anders gelaufen. „Aber auf diese Art waren die letzten Tage für die schwule Community sicherlich nicht förderlich“, so Powilleit.

Powilleit forderte seine Partei auf, sich mit dem Thema Leihmutterschaft neu auseinanderzusetzen: „Es gibt einen großen Kinderwunsch bei vielen queeren Menschen und auch bei heterosexuellen Paaren, den sie sich selbst nicht erfüllen können. Das darf man nicht ausblenden. Da müssen wir als Partei, glaube ich, eine Antwort finden.“

Besucherstimmen: Von Verständnis bis zu scharfer Kritik

Auf dem Fest äußerten sich viele Besucher zu Spahns Rücktritt. Joachim (72) und Bernd (75), seit 35 Jahren ein Paar, fanden Spahns Rücktritt nicht notwendig. Joachim sagte: „Dass Politiker anders handeln, als sie abstimmen, ist nichts Ungewöhnliches.“ Er vermutete: „Die wollten ihn sowieso loswerden.“ Bernd ergänzte, dass über ein heterosexuelles Paar mit Leihmutter anders gesprochen worden wäre.

Alex, ein weiterer Besucher, stimmte dem zu und sah die Debatte vor allem als Kritik daran, dass zwei Männer Väter werden können. Die Mehrheit der Befragten jedoch verurteilte Spahns „Bigotterie“. Thomas sagte: „Das läuft nach dem Motto ‚Wein trinken und Wasser predigen‘, keine Akzeptanz dafür.“ Ben Purrmann warf Spahn vor, sein Kind sei quasi „eingekauft“ worden, und verwies auf die Maskenaffäre.

Kritik aus Nürnberg: Doppelmoral und Privilegien

Babs, aus Nürnberg zu Besuch, witzelte: „Spahn ist einer der ersten Männer, die ihre Karriere wegen ihres Kindes aufgeben mussten.“ Sie und ihre Freundinnen lehnten Leihmutterschaft nicht grundsätzlich ab, forderten aber einen rechtlichen Rahmen. Babs sagte: „180.000 Euro, wer kann sich das denn leisten? Das ist dann wieder ein solches Privileg.“ Sie kritisierte Spahns Charakter scharf: „Um von Doppelmoral zu sprechen, muss erst mal eine Moral da sein.“ Mit Blick auf Adoptionsverfahren für homosexuelle Paare hoffte sie ironisch, „dass bei Herrn Spahn das Jugendamt jetzt auch hinters Sofa kriecht und guckt, ob die Steckdosen abgeklebt sind.“

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Stadtfest als Spiegel der Debatte

Das Lesbisch-Schwule Stadtfest bot mit seinen sechs Bühnen, zahlreichen Ständen und der ausgelassenen Stimmung einen Rahmen für intensive Diskussionen. Schirmherr Klaus Wowereit hielt die Eröffnungsrede. Die Bandbreite der Meinungen zu Spahn zeigte, wie tief die Debatte um Leihmutterschaft, Doppelmoral und die Glaubwürdigkeit von Politikern in der Community und darüber hinaus wirkt.