Einem SPD-Politiker zufolge könnte der frühere Gestapo-Chef Heinrich Müller (1900–1945) auf dem Alten Jüdischen Friedhof an der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte begraben sein. Der Abgeordnete Alexander Freier-Winterwerb (39) hatte beim Senat nachgefragt, um Klarheit zu schaffen. „Der Friedhof ist ein zentraler Ort jüdischer Geschichte, ein durch die Nazis geschändeter Ort und heute eine Gedenkstätte“, erklärte der Politiker. Sollte Müller dort tatsächlich beigesetzt sein, würde dies das „Prinzip der ewigen Totenruhe“ verletzen.
Müllers Rolle beim Völkermord
Heinrich Müller war einer der Hauptverantwortlichen für den millionenfachen Mord an Juden. Als SS-Gruppenführer und Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) nahm er am 20. Januar 1942 an der Wannseekonferenz teil, auf der die Deportation und Ermordung der europäischen Juden organisiert wurde. Müller war maßgeblich an der Planung und Ausführung des Völkermords beteiligt.
Sein genaues Todesdatum ist unbekannt. Unterlagen deuten darauf hin, dass Müllers Leiche nach Kriegsende 1945 im Garten des Reichsluftfahrtministeriums gefunden und anschließend an der Großen Hamburger Straße bestattet wurde – auf dem Alten Jüdischen Friedhof. Einen endgültigen Beleg gibt es jedoch nicht.
Senat sieht keine abschließende Sicherheit
Die Berliner Kulturverwaltung teilte auf die Anfrage Freier-Winterwerbs mit: „Es besteht keine abschließende Sicherheit, dass der Leichnam oder Teile des Leichnams auf dem Alten Jüdischen Friedhof begraben liegen.“ Die Behörde zog Experten von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, dem Landesarchiv und der Jüdischen Gemeinde hinzu. Laut den Akten zum Friedhof liegen dort über 2000 Tote in 16 Sammelgräbern. „Mehr als 50 Prozent der erfassten Verstorbenen sind namentlich unbekannt“, so der Senat.
Die Jüdische Gemeinde hält eine Exhumierung nur für möglich, wenn Müllers Leiche eindeutig identifiziert werden kann. Das sei jedoch „angesichts der Datenlage und der zahlreichen Bestatteten im Sammelgrab“ ausgeschlossen. Deshalb soll es keine Änderung geben. Freier-Winterwerb erklärte gegenüber BILD: „Damit ist dieser Fall für mich geschlossen.“
Das rätselhafte Verschwinden des SS-Mannes
Müller soll in den letzten Kriegstagen, Anfang Mai 1945, in Berlin ums Leben gekommen sein. Doch 1961 erließ das Amtsgericht Tiergarten einen Haftbefehl für den ehemaligen SS-Mann – das Gericht ging also davon aus, dass Müller noch am Leben sein könnte. Zeitungsberichten zufolge wurde Müller nach Kriegsende im Nahen Osten, in Südamerika, Südafrika und Rumänien gesehen. Andere behaupteten, er lebe in Albanien unter dem Namen Amin Rashad und arbeite für den dortigen Geheimdienst. Gerüchte besagten auch, er habe sich in die Sowjetunion abgesetzt. All das wurde jedoch nie bewiesen.
1996 kamen neue Gerüchte auf: In einem Buch wurde behauptet, Gestapo-Müller sei in die Schweiz geflüchtet und habe dann für US-Geheimdienste gearbeitet. Das Werk wies jedoch Fälschungen und Widersprüche auf. Wahr hingegen ist: Der britische und amerikanische Geheimdienst planten schon im Februar 1945 die Festnahme von Müller – erfolglos.



