Der Rückzug Kai Wegners von der Spitzenkandidatur der Berliner CDU war gerade wenige Minuten alt, da meldete sich Stefan Evers öffentlich zu Wort. Auf der Plattform X veröffentlichte der Finanz- und Kultursenator eine längere Erklärung, in der er dem zum Rückzug gezwungenen Wegner zunächst Respekt zollte und dann auf Angriff schaltete. Diese schnelle Reaktion unterstreicht die Rolle, die Evers nun in der Berliner CDU übernehmen soll: Er wird als neuer Frontmann die Partei in den Wahlkampf führen, nachdem Wegner überraschend seinen Verzicht auf die erneute Kandidatur erklärt hatte.
Ein loyaler Stratege aus der zweiten Reihe
Stefan Evers, Jahrgang 1979, ist in der Berliner CDU kein Unbekannter. Seit 2021 amtiert er als Senator für Finanzen und Kultur – ein Doppelressort, das in der Hauptstadt einmalig ist. Politische Beobachter beschreiben ihn als liberal-konservativ, loyal und als „Linken-Schreck“, der sich immer wieder pointiert gegen die politische Linke positioniert. Seine Kritiker werfen ihm vor, zu wenig eigenes Profil zu haben, doch seine Anhänger schätzen genau das: seine Verlässlichkeit und seine Fähigkeit, Konflikte hinter verschlossenen Türen zu lösen.
Evers gilt als enger Vertrauter des scheidenden Spitzenkandidaten Wegner. In den vergangenen Jahren arbeitete er eng mit ihm zusammen und galt als einer der wichtigsten Köpfe hinter den Kulissen der Berliner CDU. Seine Loyalität wird ihm hoch angerechnet – auch von jenen, die ihn nun als Nachfolger ins Rennen schicken. „Stefan Evers ist ein Mann, der für seine Loyalität geschätzt wird“, sagte ein CDU-Insider dem Tagesspiegel. „Er steht für Kontinuität und einen klaren Kurs.“
Der neue Frontmann im Berliner Wahlkampf
Mit der Übernahme der Spitzenkandidatur steht Evers vor einer doppelten Herausforderung: Er muss nicht nur die Berliner CDU im Wahlkampf gegen die regierende SPD und die Grünen führen, sondern auch die Partei nach dem Rückzug Wegners neu formieren. Wegner war erst vor zwei Jahren zum Spitzenkandidaten gekürt worden, nachdem die CDU bei der Abgeordnetenhauswahl 2021 mit 28 Prozent nur knapp hinter der SPD gelandet war. Nun muss Evers die Partei aus dem Schatten des Rückzugs führen.
Die Berliner CDU steht bei Umfragen derzeit bei rund 20 Prozent, weit entfernt von einem möglichen Wahlsieg. Evers setzt daher auf eine offensive Kampagne, die vor allem die Themen Innere Sicherheit, Wirtschaft und bezahlbares Wohnen in den Mittelpunkt stellt. „Wir müssen den Berlinern klarmachen, dass die CDU die bessere Alternative zur rot-grünen Koalition ist“, sagte Evers in einer ersten Stellungnahme. „Ich werde alles dafür geben, dass wir wieder eine starke Stimme für die Mitte der Gesellschaft sind.“
Ein Senator mit Doppelressort: Finanzen und Kultur
Evers‘ bisherige Arbeit als Finanzsenator wird von Experten als solide bewertet. Er hat den Berliner Haushalt trotz der Corona-Krise und der Energiekrise stabil gehalten und gleichzeitig Investitionen in Bildung und Infrastruktur vorangetrieben. Als Kultursenator setzte er sich für die Sanierung der Berliner Opernhäuser und die Stärkung der freien Szene ein. Sein Ziel: Berlin als Kulturmetropole weiterzuentwickeln, ohne die Finanzen aus dem Blick zu verlieren.
Kritik erntete er jedoch für seine Rolle bei der umstrittenen Verlängerung der Mietpreisbremse und für die ausbleibende Digitalisierung der Verwaltung. „Evers ist ein guter Verwalter, aber kein Visionär“, sagt ein politischer Analyst. „Ob er das Zeug zum Spitzenkandidaten hat, muss er erst beweisen.“
Die Reaktionen auf Evers‘ Nominierung
Innerhalb der CDU ist die Nominierung von Evers nicht unumstritten. Einige Kreisverbände hatten sich für eine weibliche Kandidatin ausgesprochen, andere plädierten für einen externen Kandidaten. Doch der Landesvorstand setzte auf Kontinuität und Loyalität – Eigenschaften, die Evers verkörpert. „Wir brauchen jetzt jemanden, der die Partei einen kann“, sagte ein Vorstandsmitglied. „Stefan Evers ist der Richtige dafür.“
Die Oppositionsparteien reagierten verhalten. Die SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey nannte Evers einen „Mann der Vergangenheit“ und warf ihm vor, keine eigenen Akzente gesetzt zu haben. Die Grünen kritisierten seine Haushaltspolitik als zu konservativ. Evers selbst ließ die Angriffe an sich abprallen: „Ich lasse mich nicht von der Konkurrenz definieren. Ich werde meinen eigenen Weg gehen.“
Ausblick: Kann Evers die CDU retten?
Die Berliner CDU steckt in einer schwierigen Phase. Nach dem Rückzug Wegners fehlt der Partei ein klares Gesicht. Evers muss nun beweisen, dass er mehr sein kann als ein loyaler Statthalter. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob er die Partei aus dem Umfragetief führen und neue Wählerschichten erschließen kann. Eines ist sicher: Der Wahlkampf wird hart – und Stefan Evers steht im Mittelpunkt.



