Ein offener Brief mehrerer europäischer Staats- und Regierungschefs verschärft den Streit um die Migrationskrise in der spanischen Exklave Ceuta. Bundeskanzler Friedrich Merz gehört zu den 22 Unterzeichnern des Schreibens, das Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen initiiert haben. Darin äußern die Regierungschefs ihre große Besorgnis über die Entwicklungen an der Grenze zu Marokko und erheben indirekt schwere Vorwürfe gegen Madrid. Neben Spanien und Irland haben auch Frankreich, Luxemburg und Portugal nicht unterzeichnet.
Der Brief, der sich an EU-Ratspräsident António Costa, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Irlands Premierminister Micheál Martin richtet, prangert ausdrücklich die vor einigen Monaten eingeleitete Legalisierung von rund 500.000 irregulär beschäftigten Migranten in Spanien an. Eine solche Maßnahme könne Anreize für Migration schaffen, heißt es. Profitieren sollen von dieser Legalisierung allerdings nur Asylsuchende, die ihren Antrag vor Ende 2025 gestellt haben, keine Neuankömmlinge. Die Unterzeichner beziehen sich außerdem auf ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs, wonach die sofortige Zurückweisung von Migranten nur dann zulässig ist, wenn diese beim Grenzübertritt einen Zaun oder eine andere Sperre überwunden haben. Für Menschen, die über das Meer oder einen unbefestigten Strandabschnitt nach Ceuta gelangen, sei eine Einzelfallprüfung erforderlich. Das Urteil werde „benutzt, um diesen Angriff auszulösen und unser Migrations- und Asylsystem zu missbrauchen“, beklagen die Regierungschefs.
„Wir können nicht zulassen, dass unkontrollierte Massenübertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen den Eindruck entstehen lassen, dass eine illegale Einreise in die Europäische Union möglich ist“, heißt es in dem Brief.
Sánchez weist Kritik als falsch und interessengeleitet zurück
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez wies die Vorwürfe umgehend zurück. In einem eigenen Brief an den irischen Regierungschef Micheál Martin beklagte er sich über das Verhalten einiger Mitgliedstaaten. Eine Haltung, die von Vorurteilen, Falschinformationen, Unwissenheit oder politischen Interessen motiviert sei, verstoße gegen europäisches Recht, humanitäres Recht und die Grundsätze der Solidarität, schrieb Sánchez. Die Europäische Union könne sich eine solche egoistische, spaltende und rechtswidrige Reaktion im gegenwärtigen internationalen Kontext nicht leisten.
Zuvor hatte Sánchez die Ereignisse bei einem Besuch in Ceuta als „Angriff“ auf die territoriale Integrität Spaniens bezeichnet. Er machte für den Ansturm von der „Schleusermafia“ verbreitete Gerüchte über eine angeblich geöffnete Grenze verantwortlich. Außenminister José Manuel Albares betonte, niemand könne unkontrolliert von Ceuta auf das spanische Festland und damit in den übrigen Schengen-Raum gelangen. Ceuta sei nicht in die Freizügigkeit des Schengen-Raums einbezogen.
Zehntausende Migranten in wenigen Tagen – Dutzende Tote
Nach Angaben der örtlichen Regierung gelangten seit Wochenbeginn rund 60.000 Menschen von Marokko auf dem Land- oder Seeweg nach Ceuta. Mindestens 67 Migranten kamen nach jüngsten Angaben der spanischen Regierung bei dem Versuch ums Leben, die Exklave zu erreichen. Die meisten Menschen ertranken, berichtete der staatliche Fernsehsender RTVE unter Berufung auf einen Sprecher des Innenministeriums. Die Regierung in Madrid erklärte am Freitagabend, „fast alle“ Ankömmlinge seien inzwischen nach Marokko zurückgekehrt. Dies wurde durch Berichte unabhängiger Medien vor Ort bestätigt. Auch EU-Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte, keine einzige Person habe die Grenze zum EU-Festland überschritten.
Um die Lage in den Griff zu bekommen, entsandte die Regierung 60 Soldaten sowie 200 Spezialkräfte der Polizei nach Ceuta. Erstmals seit 2021 setzt Madrid in der Exklave wieder Militär zur Unterstützung der Grenzsicherung ein. Auch an der Grenze zwischen Marokko und Melilla kam es laut RTVE am Freitagabend zu Auseinandersetzungen. Mehrere Menschen hätten Steine auf die Sicherheitskräfte geschleudert, während diese Tränengas einsetzten. Ob Migranten nach Melilla gelangten, blieb zunächst unklar.
Streit um Schengen – Italien führt Kontrollen ein
Rechtspopulistische und konservative Politiker in Europa und den USA kritisierten Spanien scharf. Italiens Ministerpräsidentin Meloni bezeichnete die Bilder aus Ceuta als „schockierend“ und brachte ein Aussetzen der Schengen-Zusammenarbeit mit Spanien ins Gespräch. Italien führte schließlich für zunächst einen Monat wieder Kontrollen im Flug- und Schiffsverkehr mit Spanien ein. Politiker aus Dänemark, Schweden, Finnland, Tschechien und Österreich schlossen sich der Forderung an, das Schengen-Abkommen mit Spanien auszusetzen. Madrid nannte diese Drohungen „demagogisch“.
Die 22 Unterzeichner des offenen Briefs bitten den EU-Ratsvorsitz, umgehend eine außerordentliche Videokonferenz der Innenminister einzuberufen. Auch Sánchez forderte angesichts der europäischen Kritik eine digitale Sondersitzung der Innenminister aller 27 EU-Staaten.
Historische Parallelen und die Rolle Marokkos
Die Ereignisse wecken Erinnerungen an den Mai 2021, als innerhalb weniger Tage rund 10.000 Jugendliche aus Marokko und Ländern südlich der Sahara die Exklave Ceuta erreichten. Damals befanden sich Spanien und Marokko in einer diplomatischen Krise, nachdem Madrid den Polisario-Führer Brahim Ghali zur medizinischen Behandlung aufgenommen hatte. Marokko setzte daraufhin die Grenzkontrollen aus.
Der aktuelle Massenansturm ist eine Ausnahme. Die italienische Zeitung „La Repubblica“ berichtete, im gesamten Jahr 2025 sei es lediglich sechs illegalen Migranten gelungen, Ceuta zu erreichen, und vom Beginn dieses Jahres bis zum vergangenen 15. Juli keinem einzigen. Als einen Grund für das plötzliche Geschehen nannte die spanische Zeitung „El País“, dass sich in Marokko die Nachricht einer einfachen Einreise nach Spanien verbreitet hatte. Hinzu kam die offensichtliche Untätigkeit der Sicherheitsbehörden in Marokko. Der Korrespondent Juan Carlos Sanz beschrieb ein großes Aufgebot an Grenzpolizisten, Panzerwägen und Gendarmen in Kampfausrüstung. „Sie hielten standhaft ihre Position, während Tausende Menschen schweigend am Strand entlangzogen und in der Flut schwammen.“
Die Migrationsexpertin Ruth Ferrero-Turrión von der Universidad Complutense in Madrid sagte dem Tagesspiegel: „Ohne jeden Zweifel hätte all dies nicht ohne die Untätigkeit der Behörden geschehen können.“



