CDU-Revolte gegen Merz: Wann regieren wieder Profis?
CDU-Revolte gegen Merz: Wann regieren wieder Profis?

Erinnert sich noch jemand an die „offene Feldschlacht“ der FDP? Es war die letzte, lächerlich-jungmännische Etappe im Drehbuch des Ampel-Bruchs vor knapp zwei Jahren. Genau dort ist die CDU nun angekommen – nur ohne Christian Lindner, nur ohne Wolfgang Kubicki. Stattdessen liefert die Volkspartei eine Vorabendserie, die man niemandem empfehlen möchte: persönliche Befindlichkeiten, verletzte Egos, Fußstampfer. Man möchte dem handelnden Personal am liebsten den Hosenboden strammziehen und fragen: Wann endlich werden wir wieder von Profis regiert?

Die Unzulänglichkeiten des Bundeskanzlers sind hinlänglich begutachtet, ihr Umfang ist mitunter erschreckend. Doch das allein erklärt nicht, warum die Regierung Merz nach nur wenigen Monaten im Dauerfeuer der eigenen Leute steht. Wenn eines Tages die Geschichte dieses Scheiterns geschrieben wird, wird man auf ein größeres Phänomen stoßen: wie viel Mimimi und wie wenig Disziplin in den Milieus und Parteitagen der CDU angekommen sind. O tempora, o mores, möchten man ausrufen. Was hätten Helmut Kohl oder Wolfgang Schäuble zu dieser Inszenierung gesagt? Sie hätten sie wohl kaum ernst genommen.

Ein Verkehrsminister, ein Bruder und ein Staatssekretär

Der Anlass ist schnell erzählt: Der Kanzler entlässt einen unauffälligen Verkehrsminister. Ein nahezu unbekannter Nachfolger soll übernehmen, kommt aber nicht pünktlich an den Start. Peinlich, ja. Aber in früheren Zeiten hätte sich das Moor darüber geräuschlos geschlossen. Heute dagegen erhebt der Abgesetzte bebend die Stimme, spricht von einem „unwürdigen Zustand“ und schwänzt die letzte Kabinettssitzung. Sein Bruder, ein erfolgreicher CDU-Ministerpräsident, macht daraus eine Sache der Ehre der Familie und des stolzen Pfälzer Stamms. Und die CDU-Landtagsfraktion sagt ihre Stippvisite im Kanzleramt empört ab – als wäre man in einer Seifenoper.

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Dabei wäre all das nur halb so wild, würde sich die Partei nicht selbst in Rage reden. Der Chef der Bremer CDU, die es seit 1945 nicht geschafft hat, den Bürgermeister zu stellen, muss unbedingt Dampf ablassen. „Sie führen kein Unternehmen, das ist eine Partei“, rüffelt er den Parteivorsitzenden. Witzig, möchte man meinen: Genau fürs Durchregieren, nicht für den Stuhlkreis, hat man Merz doch gewählt. Und weil in dieser Amateur-Produktion noch eine Rolle fehlt, sucht einer der ausgetauschten Staatssekretäre seine 15 Minuten Ruhm – und nölt in Stilfragen. Kann man alles machen. Aber muss man nicht.

Der Kanzler mit dem Glaskinn

Doch Merz macht alles schlimmer. Statt die Angriffe auszusitzen, reagiert er angefasst, arrogant, schnippisch. „Never complain, never explain“ – dieser Grundsatz kluger PR-Berater scheint ihm unbekannt. Der Kanzler hat wohl keine Berater. Oder keine klugen. Er adelt das ganze Gewese, indem er sich darauf einlässt, und verlängert damit die Hysterie.

Dabei hat die Regierung Merz in den vergangenen Wochen durchaus Handfestes vorgelegt. Ein großes Reformpaket wurde geschnürt, das im Vergleich zu den Problemen des Landes beachtlich ist. Selbstredend wird es nicht sofort wirken – es müsste einsinken, in Ruhe, mit kontrolliertem Spiel. Doch der Kanzler findet nie in die Lage. An manchen Tagen gelingt etwas, an anderen geht es schief – nur weiß niemand, an welchem Tag man aufgewacht ist. Der sonst so schneidige Carsten Linnemann verdrückt fast eine Träne, als er ins Gesundheitsministerium geschickt wird und seine geliebte CDU-Zentrale verlassen muss. Gestaltungslust sieht anders aus.

Die Regierung brauchte dringend eine Erzählung, die über den Alltagskram hinausgeht. Doch wer ständig mit internen Querschüssen beschäftigt ist, kann keine Geschichte erzählen. Es fehlt die Selbstverständlichkeit der Macht, die frühere Kanzler ausstrahlten.

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Die Partei auf dem Weg in den Abgrund

Wenn man die Zeichen richtig deutet, ergeben sich Teile der CDU gerade einem Taumel Richtung Abgrund – ohne zu wissen, warum. In der Führung heißt es, die Lunte der Mitglieder und Anhänger sei heute viel kürzer als früher, die Vernetzung über WhatsApp und soziale Netzwerke mache alles schlimmer. Alles Geleistete gehe in der atemlosen Aufregung um Stil- und Kommunikationsfragen unter. Das mag stellenweise stimmen. Aber wenn erfahrene Chefs der ersten und zweiten Reihe den Renten-Kompromiss ohne Not aufschnüren oder sich von einer Wutwelle aus dem Internet beeindrucken lassen, dann sagt das weniger über die neue Zeit als über die Chefs selbst.

Ich frage mich: Sind noch Erwachsene im Raum? Auch früher wurde in der CDU gelästert, gezettelt, ja geputscht. Aber Helmut Kohl pflegte mit aufreizend dickem Fell zu sagen: Die Karawane zieht weiter. Heute bleibt die Karawane stehen, jammert und schaut nach hinten. Man könnte mit den Gesta Romanorum schwermütig schließen: Respice finem – bedenke das Ende. Doch mir liegt eher der Reim von Wilhelm Busch am Herzen: „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!“ Das stammt aus „Max und Moritz“, einem Bubenstück. Und der Begriff passt dieser Tage perfekt zur CDU.

So bleibt am Ende der Eindruck einer Partei, die ihr eigentliches Kapital – die Regierungsfähigkeit – leichtfertig aufs Spiel setzt. Die Karawane kann nur weiterziehen, wenn sie endlich wieder einem Ziel folgt. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich auf das zu besinnen, was Konservative einst auszeichnete: Gelassenheit, Souveränität und ein dickes Fell.