Juso-Chef Türmer bei Lanz: Rentenreform ist kein Gesamtkunstwerk
Juso-Chef Türmer bei Lanz kritisiert Rentenreform

Bei Markus Lanz geriet Juso-Chef Philipp Türmer am Dienstagabend in die Defensive. Während CDU-Politiker Pascal Reddig und Journalistin Kerstin Münstermann die Vorschläge der Rentenkommission verteidigten, kritisierte Türmer einen „Konstruktionsfehler“: Wer kürzer lebe, müsse länger arbeiten. Moderator Lanz konterte mit Nachfragen zu Zahlen und warf Türmer vor, nicht vorbereitet zu sein. Die Sendung zeigte, wie kontrovers die Debatte um die Rentenreform werden dürfte – entgegen dem Appell von Kanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas, alle Elemente des Pakets zügig umzusetzen.

Ausgangslage: Appell von Merz und Bas

Kanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas hatten am Dienstagmorgen bei der Übergabe der Vorschläge der Rentenkommission deutlich gemacht: „Alle Elemente, ich betone, alle Elemente dieses Reformpakets müssen jetzt zügig umgesetzt werden“, sagte Merz. Auch Bas betonte, es dürfe „kein Rosinenpicken“ geben, da alles ineinandergreife. Doch schon jetzt melden sich Kritiker zu Wort, etwa Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig: „Ich bin nicht der Meinung des Kanzlers, dass diese Vorschläge eins zu eins umgesetzt werden müssen“, sagte die SPD-Politikerin dem Tagesspiegel.

Drei gegen einen: Türmer in der Defensive

Die Dynamik in der Sendung erinnerte an ein Ballspiel: Mehrere Spieler werfen sich einen Ball zu, den ein Spieler in der Mitte zu fangen versucht. Dieser Spieler war Juso-Chef Philipp Türmer. Die Journalistin Kerstin Münstermann, der CDU-Politiker Pascal Reddig und Moderator Lanz spielten einander den Ball zu und unterstützten sich mit Argumenten für die Rentenreform. Münstermann zeigte sich beeindruckt: Sie habe noch nie ein Rentenkonzept gesehen, dem es gelungen sei, „das gesamte System mal neu anzugehen“. Lanz witzelte: „Ist doch großartig – wenn da nicht Philipp Türmer wäre.“

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Türmer stimmte nicht in die allgemeine Euphorie ein. „Das hat Licht und Schatten“, sagte er über die Reformvorschläge. Zwar lobte er die Einbeziehung von Beamten und Selbstständigen in die gesetzliche Rentenversicherung, beklagte aber einen „Konstruktionsfehler“: „Wer kürzer lebt, muss länger arbeiten.“ Diejenigen, die früh ins Berufsleben starten und einer anstrengenden körperlichen Tätigkeit nachgehen, müssten künftig zur selben Zeit in Rente gehen wie Akademiker mit komfortableren Berufen – obwohl erstere eine viel geringere Lebenserwartung hätten.

Reddig kontert: „Grund, warum Politiker nicht in die Kommission sollten“

Pascal Reddig, der als CDU-Vertreter selbst der Rentenkommission angehörte, kommentierte: Solche Aussagen seien „der Grund, warum ich eigentlich der Meinung war, dass Politiker nicht in die Kommission sollten“. Lanz bemerkte ironisch: „Hat ja gut geklappt, wenn man Sie anschaut.“ Reddig korrigierte Türmer: Von der Rente mit 63 hätten vor allem Besserverdienende profitiert. Eine Rente nach Beitragsjahren, wie Türmer sie fordere, würde diese Ungleichheit verfestigen. Damit habe man sich in der Kommission ausführlich beschäftigt.

Türmer beharrte: „Die Leute sollten nicht so lange arbeiten müssen, bis es gesundheitlich gar nicht mehr geht.“ Da wurde es Lanz zu bunt: „Warum tun Sie ständig so, als wäre das die Idee?“, fragte er gereizt und löcherte Türmer mit Fragen nach Zahlen, etwa wie viele Menschen in Deutschland bisher die Rente mit 63 in Anspruch nehmen. Türmer entgegnete: „Herr Lanz, ich habe das Gefühl, ich bin heute ein bisschen hier bei einem Schätzquiz gelandet.“ Lanz erwiderte trocken: „Durchaus, wenn Sie es nicht wissen, ist es schätzen.“ Wer so argumentiere wie Türmer, müsse „die Basiszahlen irgendwie draufhaben“.

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Der eigentliche Konflikt: Diskutieren oder umsetzen?

Immer wieder zeigte sich, dass beim Streit über einzelne Reformvorschläge zugleich ein anderer, tiefgreifenderer Konflikt ausgetragen wurde: Strittig ist, ob man über den Maßnahmenkatalog der Rentenkommission überhaupt diskutieren sollte oder ihn besser direkt umsetzt. Münstermann warb eindringlich: Es gehe darum, „die staatliche Rente für alle besser zu gestalten“. Türmer erwiderte: „Aber ich finde es auch in Ordnung, dass man seine Meinung dazu sagt. Das ist ein Vorschlag, nicht die zehn Gebote.“ Reddig dagegen sah es als „Grundproblem“, dass jeder Reformvorschlag in den vergangenen Jahren „zerredet“ worden sei. „Das nervt die Leute. Wenn man nun wieder in denselben Reflex verfällt, dann wird es keine Reformen geben.“

Türmer ließ sich davon wenig beeindrucken. Natürlich wolle er ein steigendes Rentenniveau, sagte der Juso-Chef. „Aber trotzdem nehme ich mir heraus, zu kritisieren, wo ich der Meinung bin, dass man es besser machen kann in der Umsetzung.“ Auch an seiner eigenen Parteivorsitzenden Bärbel Bas äußerte Türmer leise Kritik. Sie hatte das Reformpaket als Gesamtkunstwerk bezeichnet, das man nicht auseinanderpflücken könne. „Ich finde das mit dem Gesamtkunstwerk ein bisschen übertrieben“, sagte Türmer und stichelte gegen Reddig und die Kommission: „Ich habe Respekt vor eurer Arbeit. Aber du bist Pascal Reddig und nicht Pablo Picasso.“