Tacke-Premiere beim ZDF: Islamisten als bessere Sozialarbeiter?
Tacke-Premiere: Islamisten als bessere Sozialarbeiter?

Sarah Tacke hat ihre Premiere als ZDF-Talkmasterin hinter sich. Fünfmal vertritt sie in der Sommerpause Maybrit Illner, zum Auftakt am Donnerstag diskutierte sie mit vier Gästen über den islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day. Die Leiterin der ZDF-Rechtsredaktion hatte angekündigt, weniger Schlagabtausch, dafür mehr Erkenntnis liefern zu wollen. Die Sendung trug den Titel „Der Feind im Innern – wie stoppen wir Islamisten?“ und spiegelte die Ratlosigkeit und Entschlossenheit der Sicherheitsbehörden zugleich.

Wie groß ist die Gefahr durch Islamisten?

Schon zu Beginn wurde deutlich, wie sehr das Thema die Beteiligten beschäftigt. „Dieses Ganze: Wer ist jetzt schuld? Ich kann das nicht mehr ertragen“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul. Die Lage sei „so brenzlig“, dass sich die Politik keine Zuständigkeitsdebatten mehr leisten könne.

Tacke brachte aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamts in die Runde: 492 Gefährder hätten die Sicherheitsbehörden im Blick, 410 davon aus dem islamistischen Spektrum. Daraus zog die Moderatorin einen Schluss: „Das heißt, Islamismus ist das größte Problem.“ Das BKA selbst weist darauf hin, dass die bloße Zahl der Gefährder keine Aussage über die gesamte Bedrohungslage zulasse. Auf Tackes Nachfrage, wie viele Anschläge in den vergangenen Jahren verhindert worden seien, antwortete Reul: „Acht.“

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Härtere Strafen oder mehr Prävention? Eine Debatte ohne Gegensätze

Reul mahnte, man müsse nüchtern zur Kenntnis nehmen, dass diese Gefahr existiere. Observationen, Telefonüberwachung, Fußfesseln – all das sei möglich. Dennoch sei „hundertprozentige Sicherheit“ nicht zu versprechen. Ahmad Mansour, Extremismusforscher, sah ein Versagen auf mehreren Ebenen. Strafen seien dazu da, abzuschrecken, sagte er. Die Gesellschaft habe zu lange „Islamismus relativiert“. Dann prägte er einen Satz, der in der Sendung hängen blieb: „Die Islamisten sind die besseren Sozialarbeiter.“

Düzen Tekkal, Menschenrechtsaktivistin, warnte vor Pauschalisierungen, verlangte aber eine klare Benennung des Problems. Islamisten und Rassisten seien „böse Zwillinge“. Und weiter: „Das Schweigen ist mittlerweile zum Bodyguard der Täter geworden.“

Eine intensive Debatte entzündete sich am Jugendstrafrecht. Reul kritisierte, dass bei 18- bis 20-Jährigen häufig Jugendstrafrecht angewandt werde. „Ich begreife das nicht“, sagte er. Tekkal unterstützte eine Verschärfung, Mansour forderte ebenfalls: „Die Strafe muss abschreckend sein.“ Zugleich betonte er, seine „besten Erfahrungen“ bei der Deradikalisierung mache er ausgerechnet im Gefängnis. Der Bund der Strafvollzugsbediensteten warnt dagegen, dass Haftanstalten Radikalisierung verstärken könnten. Tacke konfrontierte Mansour mit dieser Warnung. Der entgegnete: „Die Lage ist so, weil wir sie nicht erreichen und keine Angebote machen.“ Eine offene Frage, die eine Jugendrichterin hätte beantworten können – aber niemand war geladen.

Zu viel Einigkeit: Wo bleibt der Widerspruch?

Die Runde war weniger parteipolitisch als argumentativ unausgewogen – und genau das war das Problem: Es fehlte der Widerspruch. Die Gäste forderten im Kern dasselbe – mehr Repression, mehr Prävention, klarere Benennung des Islamismus. Auf Tackes Frage, wer die Verantwortung trage, antwortete Mansour: „Ich glaube, wir alle.“ Die anderen nickten. Mansour forderte eine „Migrationswende“ und eine „Integrationswende“, Reul ergänzte: „Wir brauchen beides.“

Tacke hatte angekündigt, weniger auf Schlagabtausch zu setzen, sondern auf Erkenntnisgewinn. Das ist angenehm, aber ein Erkenntnis-Talk lebt von Reibung – nicht zwischen möglichst lauten Persönlichkeiten, sondern zwischen Argumenten. Diese Reibung blieb aus.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Prävention im Klassenzimmer: Tugay Saracs Perspektive

Auch der Gast, der erst zum letzten Drittel dazustieß, konnte daran wenig ändern. Der muslimische Queer-Aktivist und frühere Salafist Tugay Sarac berichtete von seiner Präventionsarbeit an Schulen. Immer wenn Queerness und Islam gemeinsam thematisiert würden, kippe die Stimmung: „Es wird teilweise laut, teilweise aggressiv.“ Sarac betonte: „Die Gewalt fängt nicht bei einem Terroranschlag an.“ Sie beginne mit der Entmenschlichung. Deshalb brauche es nicht nur eine Brandmauer zur AfD, sondern auch „eine Brandmauer zum Islamismus“.

QR-Code-Abstimmung: Mehrheitsmeinung statt Erkenntnis

Zweimal durfte das Publikum per QR-Code abstimmen. Es ging um die Frage, ob ein härteres Jugendstrafrecht, mehr Prävention oder beides besser schütze. Mehr als 12.000 Menschen beteiligten sich. Tacke räumte ein: „Das heißt, es ist nicht repräsentativ.“ Zu Beginn votierten 54 Prozent für „beides“, am Ende 62 Prozent. Die Mitmach-Aktion ist sympathisch, doch die Frage bietet wenig Fallhöhe – „beides“ ist die vernünftig klingende Konsensantwort.

Zum Abschluss fragte Tacke, was diejenigen tun sollten, die aus Angst nicht zum Christopher Street Day gehen wollen. Reul rief: „Hingehen!“ Mansour ergänzte: „Geht raus, feiert das Leben, die Freiheit, die Demokratie.“ Sarah Tacke hat die Ruhe für einen eigenständigen Polittalk. Nun braucht sie Gäste, die diese Ruhe stärker herausfordern.