Felix Sturm: Abschiedskampf, Knast-Alltag und der De La Hoya-Skandal
Sturm: Abschiedskampf, Knast und De La Hoya-Skandal

Felix Sturm (47) wird am 11. Juli in Stuttgart seinen 56. und letzten Profikampf bestreiten. Im großen Abschiedsinterview mit BILD am Sonntag spricht der fünfmalige Weltmeister über seine Karriere, die Zeit im Gefängnis wegen Steuerhinterziehung und den legendären Kampf gegen Oscar De La Hoya im Jahr 2004.

Vom Basketball zum Boxen: Die ersten Schritte

Sturm erinnert sich noch genau an sein erstes Boxtraining mit elf Jahren. „Ich war elf Jahre alt, wollte mit meinem Kumpel Andreas Basketball spielen. Das war meine große Leidenschaft. Er meinte dann, dass er zum Boxtraining geht. Also bin ich einfach mit. Ich hatte eine hellblaue Jeans an, Chucks und einen grauen Hoodie. So fing alles an. Es war Liebe auf den ersten Blick und ich war sofort Feuer und Flamme“, erzählt er.

Der Kampf gegen Oscar De La Hoya: Ein Skandal-Urteil

Der Kampf gegen Oscar De La Hoya im Juni 2004 in Las Vegas bleibt unvergessen. Sturm war überzeugt, gewonnen zu haben. „Ab der 7. Runde wusste ich: Ich habe ihn! Er kam mit meinem Druck nicht klar. Nach der 11. Runde war ich überzeugt, dass eigentlich nichts mehr passieren kann.“ Doch die Punktrichter sahen De La Hoya vorn – ein Urteil, das bis heute als Skandal gilt. „Als das Urteil verkündet wurde, war ich überzeugt, gewonnen zu haben. Dass es nicht so kam, tat dann natürlich richtig weh. Aber wir sprechen heute, über 20 Jahre später, immer noch über diesen Kampf. Ich werde immer noch täglich darauf angesprochen. In dieser Nacht habe ich der ganzen Welt gezeigt, dass ich zur absoluten Weltspitze gehöre“, so Sturm.

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Der Kampf machte ihn über Nacht zum Superstar. „Ich wurde überallhin eingeladen, saß auf der berühmten Couch von ‚Wetten, dass..?‘ In manchen Städten habe ich unbewusst den Verkehr lahmgelegt, weil so viele Menschen ein Foto mit mir machen wollten. Egal, wo ich hinkam, überall wollten die Leute etwas von mir“, erinnert er sich.

Die schmerzhafteste Niederlage: Tod der Mutter

Die erste Niederlage gegen Javier Castillejo 2006 in Hamburg war besonders schmerzhaft. „Zehn Tage später ist meine Mutter gestorben. Sie war schwer an Krebs erkrankt und wir hatten uns wegen der Vorbereitung knapp vier Wochen nicht gesehen. Sie hat den Kampf damals noch gesehen. Ich unterlag nach Abbruch in der 10. Runde. Mein Gesicht war ziemlich zerbeult und sie musste das alles mit ansehen. Das macht diesen Abend bis heute besonders schmerzhaft“, sagt Sturm. Neun Monate später gewann er den Rückkampf.

Gefängnis wegen Steuerhinterziehung: Tägliches Training und Briefe

Nach seinem letzten WM-Sieg im Februar 2016 sorgte Sturm mit einem positiven Dopingtest und einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung für Schlagzeilen. Er musste ins Gefängnis. „Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Ich habe meine Strafe verbüßt. Die Zeit, die ich mit meinen Kindern verloren habe, war schrecklich. Ich habe mich damals nicht gut genug informiert. Wenn man sich bei so etwas wie den Steuern unsicher ist, sollte man sich immer professionelle Beratung holen. Das habe ich damals viel zu spät getan“, erklärt er.

Im Gefängnis trainierte er täglich, las und schrieb Briefe. „Ich habe jeden Tag trainiert, gelesen und Briefe geschrieben. Sport hält den Kopf klar – das habe ich dort noch einmal gelernt. Ich wollte einfach für meine Kinder stark bleiben. Besuche der Familie haben sehr geholfen. Es gibt Leute, die haben niemanden. Die gehen im Knast kaputt. Ich hatte meine Familie. Das war meine größte Motivation“, so Sturm.

Abschied vom Boxen: Keine Wehmut, aber Vorfreude

Vor seinem letzten Kampf spürt Sturm keine Wehmut. „Nein. Die Vorfreude überwiegt. Ich bin bis zum letzten Tag motiviert. Aber für mich ist auch klar: Nach dem 11. Juli ist Schluss. Daran wird sich nichts mehr ändern.“ Er habe mit dem aktiven Boxen abgeschlossen: „36 Jahre in diesem Sport sind mehr als genug. Ich habe viel erreicht und bin glücklich mit meiner Karriere. Natürlich wird mir etwas fehlen. Boxen hat mein ganzes Leben bestimmt. Aber ich freue mich auch auf das, was jetzt kommt.“

Am meisten werde er den Wettkampfmodus vermissen. „Das Kribbeln vor einem Kampf. Aber genau dieser Druck fällt jetzt auch von meiner Familie ab. Meine Kinder wissen genau, was so ein Kampf bedeutet. Für sie ist das ebenfalls eine Belastung gewesen. Deshalb freue ich mich, dass dieser Abschnitt endet.“

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Zukunft ohne Boxen? Nicht ganz

Ein Leben komplett ohne Boxen kann sich Sturm nicht vorstellen. „Nein. Ich werde dem Boxsport erhalten bleiben – als Berater und Mentor. Deutschland hat viele Talente. Ich möchte helfen, dass wieder Weltmeister entstehen.“