Dick Advocaat war bereits zweimal bei einer Fußball-Weltmeisterschaft als Trainer dabei. Doch die anstehende WM in den USA, Kanada und Mexiko ist auch für den 78-jährigen Trainer-Oldie etwas ganz Besonderes. Schließlich geht er mit Curaçao als klarer Außenseiter ins Turnier – und das gleich im ersten Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft.
Der Teamgeist als Schlüssel zum Erfolg
„Das Geheimnis ist ganz klar der Teamspirit. Der ist überragend“, erklärte Advocaat im Gespräch. Seit seinem Amtsantritt habe die Mannschaft einen enormen Weg zurückgelegt. „Als ich anfing, wollte die Hälfte der Spieler gar nicht antreten. Viele hofften noch auf eine Nominierung für die niederländische Nationalmannschaft. Unsere Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Umso besonderer ist es, dass wir jetzt bei der WM dabei sind.“
Ambitionen bei der WM
Mit welchem Ziel reist Curaçao in die USA? „Wir wollen es jedem Gegner so schwer wie möglich machen. Chancenlos sind wir nicht. Das Team ist extrem ehrgeizig, und mit Ehrgeiz kann man viel erreichen. Natürlich gibt es qualitative Unterschiede zu den Gegnern, aber wir wollen uns teuer verkaufen. Jeder kann überraschen – warum nicht Curaçao? Eine Überraschung könnte schon reichen, um weiterzukommen.“
Auf die Frage, ob der Modus, der auch Gruppendritten den Einzug ins Achtelfinale ermöglicht, für Curaçao realistisch sei, antwortete Advocaat: „Man muss daran glauben, dass man es schaffen kann. Drei Unentschieden könnten bereits reichen. Aber natürlich haben wir es mit drei Top-Gegnern zu tun. Dass es gleich zu Beginn gegen Deutschland geht, ist fantastisch.“
Respekt vor Deutschland
Warum sei es gut, gleich gegen Deutschland zu spielen? „Da wissen wir sofort, wo wir stehen. Man muss ohnehin gegen sie spielen, da ist es besser, gleich zu Beginn zu starten.“ Zur deutschen Mannschaft sagte der Niederländer: „Deutschland ist natürlich klarer Favorit in der Gruppe. Es ist noch immer ein großes Fußballland. Ich habe großen Respekt vor Deutschland. Die Bundesliga ist eine tolle Liga mit tollen Stadien.“
Erinnerungen an Borussia Mönchengladbach
Advocaat blickte auch auf seine Zeit in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach zurück. „Damals war gerade das neue Stadion fertig geworden. Das gesamte Geld steckte in diesem Stadion. Ich sagte den Verantwortlichen, dass wir investieren müssten und dass ich nicht der Mann sei, der dauerhaft gegen den Abstieg spielt. Horst Köppel löste mich dann ab – ein ganz toller Kerl. Ich bekomme noch heute eine Weihnachtskarte von Borussia. Auch wenn es eine kurze Zeit war, war es ein tolles Erlebnis.“
Manuel Neuer – eine Rückkehr der Weltklasse
Zur Rückkehr von Manuel Neuer ins deutsche Tor meinte Advocaat: „Manuel Neuer ist ein großartiger Sportler. Mit 40 Jahren sieht er noch fantastisch aus. Für einen Torwart spielt das Alter keine große Rolle. Er hat viel durchgemacht, einige Verletzungen, aber er ist immer noch ein Weltklasse-Torwart. Das hat er zuletzt in der Champions League gegen Real Madrid bewiesen.“
Die Diskussionen um Neuers Rückkehr könne er nicht nachvollziehen. „Julian Nagelsmann kennt Manuel Neuer aus seiner Bayern-Zeit und hat gesehen, welche Leistungen er bringt. Ich kann total verstehen, dass er ihn zurückgeholt hat.“
Persönliche Herausforderungen
Advocaat hatte eine schwierige Zeit hinter sich. Wegen der Erkrankung seiner Tochter konnte er beim entscheidenden Spiel gegen Jamaika nicht dabei sein. „Es war verdammt schwer, den Riesenerfolg nur vor dem Computer in den Niederlanden zu verfolgen. Es war das größte Spiel in der Fußball-Geschichte von Curaçao. Aber die Familie geht vor. Die Jungs wussten, was ich von ihnen will. Wir hatten kurz zuvor noch gegen Bermuda gespielt.“
Nach der Qualifikation trat Advocaat zunächst zurück, sein Landsmann Fred Rutten übernahm. Nun ist er wieder da. „Es gab viele Gerüchte und Spekulationen. Ich kann die Kritik nicht verstehen. Der Verband fragte mich, ob ich zurückkommen wolle. Ich habe nicht gefragt. Wie es mit Fred Rutten genau lief, kann ich nicht sagen. Aber wenn die Entscheidung gefallen ist und sie mich fragen, warum sollte ich nein sagen?“ Kontakt zu Rutten habe er nach der Übergabe nicht mehr gehabt.
WM 1994 und die Hitze
Advocaat war 1994 als Bondscoach der Niederlande bei der WM in den USA. „Vom Wetter her ist eine WM in den USA eine der schwersten. 1994 spielten wir um 12 Uhr Ortszeit in Orlando. Es war schrecklich. Einer unserer Spieler musste in der Pause unter eine Sauerstoffmaske.“ Ob die Hitze ein Vorteil für Curaçao sei? „Nein, denn alle unsere Spieler spielen in Europa, nicht auf Curaçao. Sie sind die Hitze nicht gewohnt.“
Ältester Trainer der WM
Mit 78 Jahren ist Advocaat der älteste Trainer des Turniers. „Das macht nichts mit mir. Man ist so alt, wie man sich fühlt. Ich fühle mich gut. Ich habe Glück mit meiner Gesundheit, und wenn man noch Spaß hat, ist das keine große Sache. Ich laufe nicht herum und sage jedem, dass ich 78 bin.“
Favoriten für den Titel
Auf die Frage, wer Weltmeister werde, wenn nicht Curaçao, antwortete Advocaat: „Spanien, Frankreich, Deutschland und die Niederlande sind meine Favoriten.“ Müsse er die Niederlande als ehemaliger Bondscoach nennen? „Nein, weil ich keinen Druck aufbauen will. Aber wenn sie fit sind, haben sie eine sehr gute Mannschaft – genau wie Deutschland.“
Zur Person: Dick Advocaat ist ein Fußball-Weltenbummler. In Deutschland war der Niederländer bereits bei Borussia Mönchengladbach tätig. Die WM 2026 ist seine dritte als Nationaltrainer: 1994 war er mit den Niederlanden dabei, 2006 mit Südkorea. Nun führt er den großen Außenseiter Curaçao an.



