Mit der erstmaligen Aufführung von Richard Wagners Oper „Rienzi“ sind die Bayreuther Festspiele ein Risiko eingegangen – und werden belohnt. Die Premiere am Wochenende erntete Standing Ovations für die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, das Orchester und vor allem Dirigentin Nathalie Stutzmann. Das Werk, das Adolf Hitler als Jugendlicher inspirierte und später als „Hitlers Lieblingsoper“ galt, wird auf dem Grünen Hügel zur aktuellen politischen Warnung umgedeutet.
Regisseurinnen ohne den Namen Wagner
Erstmals in der Festspielgeschichte inszenieren zwei Regisseurinnen, die nicht den Nachnamen Wagner tragen. Szemerédy und Parditka machen aus der Erzählung über Aufstieg und Fall des römischen Volkstribunen Cola di Rienzo ein Mahnmal gegen das Vergessen der Demokratie. „Uns war von Anfang an klar, dass dies eine sehr besondere Aufgabe ist, der wir uns mit großer Verantwortung stellen“, sagte Szemerédy der Deutschen Presse-Agentur vor der Premiere. „Wenn man ‚Rienzi‘ ins Programm nimmt – insbesondere zum 150. Jubiläum und zum ersten Mal überhaupt – dann setzt man ein Zeichen. Das bedeutet, dass man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Es ist sehr wichtig, dass man diese Stücke nicht vergisst oder verdrängt. ‚Rienzi‘ ist Wagners politischstes Werk und genau das Werk, das Hitler so stark inspiriert hat.“
Die Handlung ist in eine dystopische Zukunft (oder Gegenwart) verlegt: Social Media hilft dem Diktator Rienzi (Andreas Schager), die Macht an sich zu reißen. Das Volk jubelt ihm zunächst zu, doch es folgen Krieg, Tod und Zerstörung. Ein Höhepunkt ist die Ballett-Episode im zweiten Akt, die einen Schnelldurchlauf durch Wagners große Opern zeigt, während der Diktator im Publikum sitzt. Michel Friedman bescheinigte Festspiel-Chefin Katharina Wagner in einer viel beachteten Festrede, sie habe „gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth verändert“.
Politische Aktualität und ein Fingerzeig mit 41 Prozent
Die Themen der Oper seien „politisch sehr relevant“, betont Szemerédy. „Gerade jetzt, da rechtspopulistische und faschistische Tendenzen wieder stärker wahrnehmbar werden, hat dieses Stück eine unheimliche Aktualität gewonnen. Es ist gewissermaßen ein Mahnmal. Die entscheidende Frage ist: Wo kippt eine Demokratie? Ab wann gleitet sie fast unmerklich in andere Mechanismen ab?“ In der Inszenierung wird Rienzi mit 41 Prozent der Stimmen zum Machthaber gewählt – eine direkte Anspielung auf die damalige Umfrage zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD sechs Wochen vor der Wahl ebenfalls auf 41 Prozent kam.
Schager, der als kämpferischer Rienzi überzeugt, wütet über die Bühne und übertönt in den Massenszenen sogar den Chor. Jennifer Holloway beeindruckt in der Hosenrolle des Adriano, Gabriela Scherer als Irene. Die Dirigentin Nathalie Stutzmann musste sich in die spezielle Akustik des Festspielhauses einfinden, doch das Orchester spielte in großer Form. Der Applaus war tosend, mit nur wenigen Buh-Rufen.
Hitlers Lieblingsoper? Die Geschichte dahinter
„Rienzi“ wird oft als Hitlers Lieblingsoper bezeichnet. Sein Jugendfreund August Kubizek beschrieb das Frühwerk als wichtige Inspirationsquelle. Nach dem Besuch der Oper in Linz soll Hitler gesagt haben: „In jener Stunde begann es…“ Zudem eröffnete die Ouvertüre die Reichsparteitage der NSDAP. Wagner selbst nannte das Werk „Schreihals“ und „Ungethüm“, wollte es nie auf dem Grünen Hügel hören und verbannte es aus dem Repertoire. Kritische Stimmen hatten die Aufführung im Jubiläumsjahr infrage gestellt, doch der Stiftungsrat erteilte eine Sondergenehmigung. Nach der Premiere ist klar: Das Risiko hat sich gelohnt. Das Publikum feiert die klare politische Botschaft und die künstlerische Umsetzung.



