Almuth Schult, die ehemalige Torhüterin der deutschen Nationalmannschaft, wird die Weltmeisterschaft in den USA als ARD-Expertin begleiten. Im Interview spricht sie über ihre Rolle, die besondere Fußballkultur in Amerika, politische Themen und die Herausforderungen des Mutterseins im Profisport.
Die Faszination der WM in den USA
Schult freut sich auf das Turnier, das sie mit dem DFB-Pokal vergleicht, da es viele Runden gibt. Sie ist gespannt, wie die USA, wo Fußball nicht an erster Stelle steht, das Turnier erleben werden. Im Gegensatz dazu stehen Mexiko, wo Fußball eine riesige Emotion auslöst, und Kanada, wo sie 2015 selbst spielte. Die drei Gastgeberländer könnten unterschiedlicher kaum sein.
Fünfeinhalb Wochen wird sie vor Ort sein, eine ungewohnt lange Zeit für ein Turnier. Sie fliegt einen Tag vor dem Eröffnungsspiel in die USA.
Kulinarische Highlights und Verbundenheit
Besonders freut sie sich auf Kansas City, wo sie einst spielte, und auf den Breakfast Burger. Als Deutsche musste sie sich erst an diese Frühstücksspezialität gewöhnen, doch heute isst sie ihn gerne. Auf deutsches Brot kann sie vier bis fünf Wochen verzichten, auch wenn sie es irgendwann vermisst.
Trotz der angespannten politischen Lage versucht sie, den Blick auf das Positive zu richten, auf das Fußballfest. Die politische Situation nach Trumps Wahl beschäftigt sie, aber sie geht davon aus, dass der Fokus während der WM auf dem Sport liegt.
Politische Positionierung und Kritik an der FIFA
Schult sieht es als ihre Aufgabe, den Zuschauern Hintergrundinformationen zu geben, sowohl positive als auch negative. Sie kritisiert FIFA-Präsident Gianni Infantino scharf, insbesondere wegen des Friedenspreises, den er Donald Trump überreichte. Der norwegische Verband fordert eine Untersuchung durch die Ethikkommission. Schult betont, dass die FIFA stets behauptet, Fußball sei unpolitisch, doch diese Aktion sei durch und durch politisch.
Geschlechtergleichstellung im Fußball
Schult äußert sich zu Vorfällen, bei denen Kolleginnen wie Tabea Kemme nicht erkannt oder begrüßt wurden. Sie fordert, dass Jungen bereits in den Jugendmannschaften daran gewöhnt werden, dass Mädchen und Frauen zum Fußball gehören. Sie selbst erlebte ähnliche Situationen, bevor sie durch ihre Arbeit mit Nachwuchsspielern bekannt wurde.
Sie freut sich über die Ernennung von Marie-Louise Eta zur Cheftrainerin bei Union Berlin, der ersten Frau in der Männer-Bundesliga. Schult kennt sie persönlich und hält sie für die richtige Persönlichkeit für diese Aufgabe. Die Aufmerksamkeit sei riesig gewesen, und es sei nicht leicht, die erste Frau in einer solchen Position zu sein.
US-Fußballkultur und Frauenfußball
Die Fußballkultur in den USA sei sehr weiblich geprägt. Spielerinnen wie Alex Morgan seien dort populärer als viele Männer-Nationalspieler. Die Frauenliga sei hochprofessionell, und die Spielerinnen hätten sich erkämpft, dass die Prämien mit den Männern geteilt werden. In den USA denke man bei Fußball zuerst an die Frauen, was in fast jedem anderen Land umgekehrt sei.
Eine Frauen-WM könnte dort ein noch größeres Spektakel sein, aber die WM helfe auch, den Männerfußball voranzubringen. In Städten wie St. Louis sei Fußball bei den Männern ebenfalls sehr populär.
Stimmung und Fanerlebnisse
Schult ist gespannt auf die Stimmung, die anders sein wird als in Europa. Fanmärsche haben in den USA keine Tradition, die meisten fahren mit dem Auto ins Stadion. Die Amerikaner seien aber sportbegeistert, und nach den ersten Spielen könnte eine Welle der Begeisterung durch die Städte schwappen. Vor großen Events treffen sich die Leute auf Parkplätzen zum Grillen, was für eine WM attraktiv sein könnte.
Vereinsarbeit und Frauenführung
Schult spielte 2022 bei Angel City, einem von Frauen geführten Verein. Das Stadion war in der ersten Saison bei jedem Spiel ausverkauft, selbst bei Testspielen. Die Community war stark eingebunden, und Spendengelder flossen in regionale Projekte. In Berlin gibt es mit Viktoria Berlin ebenfalls einen von Frauen geführten Zweitligisten. Schult findet die Idee gut und lobt, dass Viktoria als einer der ersten Vereine Spielerinnen in der Regionalliga bezahlte und ein professionelles Umfeld bot. Sie glaubt, dass Union und Hertha sich ein Beispiel an Viktoria genommen haben.
Muttersein im Profifußball
Schult nahm ihre Zwillinge zur EM in England mit und nimmt ihre Kinder fast überall hin. Sie wünscht sich, dass dies selbstverständlicher wird. Im amerikanischen Sport sei der Umgang offener; sie habe sich von dieser Mentalität einiges abgeschaut. In den USA würden Familien mit Kindern konsequent bevorzugt, etwa bei Behörden. Sie selbst wurde bei der Visumsbeantragung vorgezogen, weil sie ihre Tochter dabei hatte.
Prognose für die WM
Deutschland hat eine starke Gruppe mit der Elfenbeinküste, Ecuador und Curaçao. Schult warnt, dass Curaçao nicht zu unterschätzen sei, da die meisten Spieler in den Niederlanden ausgebildet wurden. Durch die 48 teilnehmenden Mannschaften könne man schon früh auf einen Mitfavoriten treffen.



