Argentinien hat das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft erreicht – mit dem dritten Glückssieg im dritten K.o.-Spiel. Gegen die Schweiz gewann der Titelverteidiger nach Verlängerung mit 3:1 (1:1, 1:0) und feierte ausgelassen. Von der Tribüne im Arrowhead Stadium in Kansas City erklang der Fan-Gesang „Wer nicht hüpft, ist ein Engländer“ – eine politisch und historisch aufgeladene Spitze gegen den Halbfinal-Gegner England. Die argentinischen Spieler tanzten und sangen mit.
Messi überglücklich: „Diese Mannschaft hört nie auf zu glauben“
Der diesmal torlose Lionel Messi wedelte oberkörperfrei sein Trikot und war überglücklich, dass seine WM-Karriere verlängert wird. „Wieder einmal mussten wir leiden, aber diese Mannschaft hört nie auf, daran zu glauben“, schrieb der 39-Jährige bei Instagram: „Wir sind wieder unter den vier Besten der Welt!!! Los geht's, verdammt!!!!“
Doch der Auftritt war alles andere als titeltauglich – wie schon zuvor gegen Kap Verde und Ägypten. Trainer Lionel Scaloni gab zu bedenken: „Auch in Katar haben wir gelitten, obwohl wir vielleicht besser gespielt haben, aber auch dort hatten wir es schwer.“
Schlüsselszene: Platzverweis für Embolo nach VAR-Entscheid
Kurz nach dem verdienten Schweizer Ausgleich durch Dan Ndoye (67.) sah Breel Embolo wegen einer Schwalbe die Gelb-Rote Karte – allerdings erst nach Videobeweis. Schiedsrichter Joao Pinheiro hatte zunächst Argentiniens Leandro Paredes wegen angeblichen Foulspiels die Gelbe Karte gegeben. Nach Ansicht der Videobilder nahm er diese zurück und zeigte dem bereits gelb-verwarnten Embolo die Ampelkarte. Der ehemalige Schalker und Gladbacher war danach in Tränen aufgelöst und musste getröstet werden. „Er ist am Boden zerstört“, sagte der Schweizer Trainer Murat Yakin. Remo Freuler sprach von einem „Desaster“. Der Stolz über das gute Spiel und das erstmalige Erreichen des Viertelfinals seit der Heim-WM 1954 wurde vom Frust über die Art des Ausscheidens überlagert.
Ex-Nationalspieler Mats Hummels vermutete bei Embolo „irgendeine Übersprungshandlung“ im Kopf, denn es sei „natürlich Wahnsinn, schon gelb-verwarnt so eine Schwalbe zu machen“, sagte der Weltmeister von 2014 bei MagentaTV.
Verschwörungstheorien um Argentinien und VAR
Die Entscheidung war faktisch richtig, dennoch dürfte die bei einigen Fans verbreitete Verschwörungstheorie, Argentinien werde von Schiedsrichter-Seite bevorteilt, neue Nahrung erhalten. „Vor 40 Jahren hatten wir das Thema schon mal“, hatte Scaloni schon vor dem Spiel gesagt: „Die Spieler nehmen das als Motivation, sie spielen dann noch besser.“
Frankreichs „L'Équipe“ schrieb: „Wieder am Abgrund, aber immer noch da.“ Spaniens „As“ spitzte zu: „Argentinien hat neun Leben, einen VAR, der ihm immer zu Hilfe eilt, eine Legende wie Messi und nun auch noch die Spinne.“ Julián Álvarez, der mit einem Traumtor zum 2:1 den Weg zum Sieg ebnete, trägt den Spitznamen „Spinne“.
Geniestreich kommt diesmal nicht von Messi
Besser spielen kann auch Messi. Vom 39-Jährigen gab es gegen die Schweiz keine weiteren Geniestreiche, nach zuvor neun WM-Spielen in Serie mit mindestens einem Treffer ging er diesmal persönlich leer aus. Aber immerhin bereitete der WM-Rekordtorschütze den Führungstreffer von Alexis Mac Allister (10.) per Ecke vor. Matchwinner war Álvarez, der die ideenlosen Argentinier mit einem Sonntagsschuss in den Winkel vor dem heiklen Elfmeterschießen rettete.
Ausblick: Halbfinale gegen England
Am Mittwoch in Atlanta trifft Argentinien im Halbfinale auf England mit den Offensivstars Harry Kane und Jude Bellingham. Für eine Finalchance braucht die Albiceleste eine deutliche Leistungssteigerung. Dass Messi noch nie gegen die Three Lions gespielt hat, verleiht der Partie eine weitere Note. Zuletzt trafen die beiden Nationen, die durch den Falkland-Krieg 1982 auch eine brisante politische Vergangenheit haben, 2005 aufeinander.



