Der Druck war enorm, der Rückzug jetzt unvermeidlich: Die milliardenschweren Investorenpläne von FIFA-Präsident Gianni Infantino sind endgültig vom Tisch. Nach wochenlanger öffentlicher Empörung und scharfer Kritik aus Europa sowie anderen Fußballverbänden hat die FIFA die Pläne offiziell für beendet erklärt. „Nachdem wir uns alle Standpunkte aufmerksam angehört haben, ist deutlich geworden, dass das Projekt zu Spaltungen geführt hat, die – unabhängig vom Ausmaß der Unterstützung – nicht mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels liegen“, ließ Infantino in einer nächtlichen Erklärung mitteilen.
Damit kapituliert der 56-jährige Schweizer vor einer Allianz aus UEFA, nationalen Verbänden und internen Kritikern. Besonders die Europäische Fußball-Union unter Präsident Aleksander Ceferin hatte den Plan nicht nur abgelehnt, sondern mit drastischen Worten einen Machtkampf eröffnet. Die UEFA gab sich nach dem Scheitern des Projekts siegessicher und kündigte Konsequenzen an.
„Schäbiger Deal“ – die UEFA schlägt zurück
Die UEFA holzte nach dem Rückzug verbal aus: „Die derzeitige FIFA-Führung hat nicht nur das Vertrauen der UEFA verloren, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie“, erklärte der europäische Dachverband. Man werde nun mit den Mitgliedsverbänden und in „enger Zusammenarbeit“ mit anderen Konföderationen analysieren, wie es zu dem Vorgang kommen konnte. „Diese Überprüfung muss gründlich und umfassend sein. Keine Option darf von vornherein ausgeschlossen werden.“
Besonders deutlich wurde die Kritik an der Vorgehensweise des FIFA-Präsidenten: „Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte und undurchsichtige Deal, den er eingefädelt und anschließend durchzusetzen versucht hat, war das genaue Gegenteil von Transparenz“, polterte die UEFA. Die Drohung ist unmissverständlich: Infantino soll verschwinden. Für die Nachfolge können sich bereits Kandidaten in Stellung bringen.
Der Plan im Detail: Töchterfirma FFE und 20 Milliarden Dollar
Infantino hatte geplant, Anteile an den Premium-Produkten des Weltverbands an private Investoren zu verkaufen. Geldgeber sollten rund 20 Prozent der Anteile an der neu zu gründenden Tochtergesellschaft FIFA Forward Enterprise (FFE) erwerben können. Der Gesamtwert der FFE war auf 20 Milliarden Dollar festgelegt worden. Die FFE sollte sämtliche kommerziellen Rechte an den FIFA-Wettbewerben wie der Männer- und Frauen-Weltmeisterschaft sowie der Club-WM bündeln.
Infantino selbst hätte in der Tochterfirma als Geschäftsführer eine Schlüsselrolle einnehmen sollen. Der US-Technologieinvestor Joshua Kushner, dessen Bruder Jared mit Ivanka Trump verheiratet ist, hätte über seine Investmentfirma Thrive Capital maßgeblich beteiligt werden können. Die Frist für die Zustimmung der 211 Mitgliedsverbände soll auf den 19. September terminiert gewesen sein. Als Anreiz wurden offenbar Sonderzahlungen an die Verbände in Aussicht gestellt. Infantino selbst betonte, es sei sein Ziel gewesen, die Mitgliedsverbände zu stärken.
Déjà-vu für den FIFA-Chef
Es ist nicht das erste Mal, dass Infantino mit einem radikalen Kommerz-Vorstoß scheitert. Bereits 2018 hatte er für einen Investoren-Deal über die Vermarktungsrechte einer neuen Club-WM mit 24 Teams sowie einer globalen Nations League geworben. Dabei ging es um die beachtliche Summe von 25 Milliarden Dollar. Auch dieser Plan wurde damals nach heftigem Widerstand fallen gelassen – ein Muster, das sich nun wiederholte.
Diesmal allerdings war der Widerstand noch größer. Die UEFA drohte sogar mit einem Boykott von WM-Wettbewerben: „Keine Nationalmannschaften aus der UEFA werden an irgendeinem FIFA-Wettbewerb teilnehmen, solange diese Vorschläge weiterbestehen“, hieß es unmissverständlich. Nach dem Ende der Pläne legte die UEFA nach: „Dies ist ein Sieg für den gesamten Fußball. Doch es darf nicht das Ende der Geschichte sein. Der Vorschlag ist vom Tisch. Die Aufgabe, das Vertrauen in die FIFA wiederherzustellen, hat jedoch gerade erst begonnen“, teilte der Verband mit.
Auch Dänemarks Verband entzog Infantino demonstrativ das Vertrauen. Die für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Concacaf und der asiatische Fußballverband AFC gingen auf Distanz. Der südamerikanische Verband Conmebol zeigte sich zurückhaltend und verlangte zusätzliche Informationen. Selbst im internen Machtgefüge der FIFA bröckelt die Unterstützung: FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour warf Infantino vor, Mitarbeiter hintergangen zu haben. Ein hochrangiger Berater, Carlos Cordeiro, trat aus Protest zurück.
Internationale Schlagzeilen – Infantino in der Krise
Die internationale Presse reagierte mit Hohn und Spott. „Gianni Infantino hat eine demütigende Niederlage erlitten“, urteilte die britische „Daily Mail“. „Infantino kuscht nach Aufstand“, titelte der Schweizer „Blick“. Die französische „L’Équipe“ schrieb: „Mit seinem Plan, die Weltmeisterschaft teilweise zu verkaufen, hat FIFA-Präsident Gianni Infantino so viel Widerstand wie noch nie erfahren. Seit seiner Wahl zum Präsidenten des Fußball-Weltverbandes im Jahr 2016 ist Infantinos Position noch nie so stark erschüttert worden. Der Verband steckt nun in einer Krise.“
Die Frage, wie geschwächt Infantino wirklich ist, wird sich beim 77. FIFA-Kongress zeigen, der im März kommenden Jahres in Rabat (Marokko) stattfindet. Dort will er für eine weiterer Amtszeit von vier Jahren kandidieren. Doch die Unterstützung scheint zu bröckeln. Kandidaten für die Präsidentschaftswahl können ihre Bewerbungen noch bis zum 18. November einreichen. Ob Infantino dann tatsächlich antreten kann, hängt nicht zuletzt vom Ausgang der nun angekündigten Untersuchungen ab. Sein Leitsatz „Unser Ziel war schon immer – und wird es auch immer sein – zu vereinen und zu verbessern“ wirkt angesichts dieser Krise wie eine bloße Floskel.



