Italien feiert Tennis-Boom: Fußball-Krise beflügelt Erfolge in Paris
Italien feiert Tennis-Boom: Fußball-Krise beflügelt Erfolge

Seit dem großen Schock sind mittlerweile mehr als zwei Monate vergangen, doch wirklich greifbar wurde die sommerliche Leere erst am Mittwochabend. Während sich die Fußballwelt auf die WM in Amerika vorbereitet, beginnt Italiens Nationalmannschaft den Wiederaufbau von Null. Im ersten Auftritt seit der fatalen Play-off-Niederlage gegen Bosnien besiegte die Squadra Azzurra, gespickt mit weitgehend unbekannten Teenagern, Luxemburg mit 1:0. „Das traurigste Freundschaftsspiel unserer Geschichte“, urteilte die Gazzetta dello Sport.

Italien ist ein politisch und gesellschaftlich gespaltenes Land, in dem der Sport einer der wenigen gemeinsamen Nenner ist. Das gilt schon ewig für den Fußball, seit ein paar Jahren immer häufiger aber auch für Tennis. So war es nicht überraschend, dass die großen Schlagzeilen am Mittwoch aus Paris kamen und nicht aus Luxemburg. Zum ersten Mal überhaupt standen drei Italiener im Viertelfinale der French Open – und es waren nicht die zwei besten Tennisspieler des Landes. Lorenzo Musetti, vor dem Turnier Nummer elf der Welt, musste verletzt absagen. Topfavorit Jannik Sinner scheiterte in Runde zwei dramatisch am eigenen Körper und der Hitze.

Italienische Tennis-Erfolge trotz Ausfällen

Flavio Cobolli besiegte am Mittwoch den Kanadier Felix Auger-Aliassime in vier Sätzen, anschließend musste Matteo Berrettini wegen Problemen an der Hüfte gegen seinen Landsmann und Namensvetter Matteo Arnaldi aufgeben. Im Halbfinale am Freitag treffen nun Cobolli und Arnaldi aufeinander, ein Italiener wird also das Endspiel erreichen – und dort womöglich auf Alexander Zverev treffen. Die Gazzetta schrieb von „goldenen Zeiten“ und einer Renaissance des italienischen Tennis. Passend dazu wird am Sonntag auch noch Italiens Tennislegende Adriano Panatta den Coupe des Mousquetaires für den Sieger im Männereinzel überreichen. Panatta gewann vor exakt 50 Jahren als bisher letzter Italiener in Roland Garros, zudem ist er der einzige Spieler, der den sechsfachen Champion Björn Borg in Paris besiegen konnte – und das sogar zweimal.

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Einzigartiger Aufschwung des Tennis

Die Rollen von Fußball und Tennis haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eindrucksvoll gewandelt. Als Italien 2006 zuletzt Fußball-Weltmeister wurde, überstand kein einziger Tennisspieler die zweite Runde der French Open. Insbesondere der Männerbereich lag am Boden – infrastrukturell, personell, finanziell. Mit Investitionen in neue Hartplätze und einer Veränderung der Nachwuchsförderung ist es seitdem gelungen, nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite zu anderen Tennisnationen aufzuschließen. Das lässt sich an den vier Grand-Slam-Siegen von Ausnahmespieler Sinner ablesen, noch besser aber an den drei Davis-Cup-Triumphen in Serie. Bei der letzten Auflage fehlte die Nummer eins der Welt, dennoch gelang dem Team der Sieg im Finale gegen Spanien.

Cobolli zwischen Tennis und Totti

Fußball bleibt zwar weiter Sportart Nummer eins der Italiener, und daran wird sich vermutlich nie etwas ändern. Doch ähnlich wie in Deutschland zu Zeiten von Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich gelingt es dem Tennis mit den aktuellen Erfolgen, König Fußball ein paar Mal im Jahr vom Thron zu stoßen. Den Zweiklang dieser beiden Sportarten repräsentiert auch Cobolli, der im Halbfinale von Paris gegen Arnaldi als Favorit gilt. Der 24-Jährige wurde in Florenz geboren, ist aber in Rom aufgewachsen. Als kleiner Junge soll er einen Tennisschläger und ein Trikot von Francesco Totti geschenkt bekommen haben. Lange spielte er parallel Tennis und Fußball – und das als Außenverteidiger in der Jugend der AS Rom sehr gut –, entschied sich im Alter von 13 Jahren aber für die Sportart, die schon sein Vater professionell betrieben hatte. Stefano Cobolli ist in seiner Karriere nie über Rang 236 der Weltrangliste hinausgekommen. Sein Sohn Flavio, den er auch trainiert, dürfte nach den French Open in den Top Ten stehen.

Die Entwicklung des italienischen Tennis ist bemerkenswert: Während der Fußball in einer tiefen Krise steckt, feiert die gelbe Kugel Erfolge auf höchstem Niveau. Die French Open 2025 könnten ein weiterer Meilenstein werden – mit einem italienischen Finalisten und vielleicht sogar einem Sieger aus dem Stiefelstaat.

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