Jomo Sono, Südafrikas Fußballlegende und ehemaliger Nationaltrainer, blickt im Interview auf das Eröffnungsspiel der WM 2026 gegen Mexiko zurück und erzählt Anekdoten aus seiner Zeit mit Pelé und Franz Beckenbauer. Er spricht auch über den Rat seines Nachbarn Nelson Mandela.
Das Eröffnungsspiel gegen Mexiko
Herr Sono, werden Sie beim Eröffnungsspiel der Fußball-WM im Aztekenstadion sein? Ja. Wenn wir in Mexiko gegen Mexiko spielen – und gegen 85.000 Mexikaner im Stadion. Das wird schwierig. Aber wir haben auch unsere Fähigkeiten. Wir haben das gewisse Etwas. Und mit Hugo Broos einen smarten Trainer. Unter ihm haben wir deutliche Fortschritte gemacht. Das sieht man schon daran, dass wir zum ersten Mal seit 2010 wieder bei der WM dabei sind.
Was bedeutet es, das Eröffnungsspiel gegen den Gastgeber zu bestreiten? Es ist eine riesige Herausforderung. Du spielst nicht nur gegen elf Spieler auf dem Rasen, du spielst auch gegen 85.000 Menschen auf den Rängen. Die erste Aufgabe unseres Trainers wird es sein, das Stadion zum Schweigen zu bringen. Nur dann werden wir eine Chance haben. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Das fängt schon auf dem Weg ins Stadion an. In Mexiko kämpfen die Drogenkartelle gegen die Regierung. Man wird also überall Sicherheitskräfte mit Waffen sehen. Damit muss man erst einmal klarkommen.
Bei der WM 2010 hieß das Eröffnungsspiel auch Südafrika gegen Mexiko – damals allerdings in Südafrika. Siphiwe Tshabalala schoss den Gastgeber 1:0 in Führung. O ja, ich erinnere mich. Das ganze Land ist ausgeflippt. Am Ende gelang den Mexikanern kurz vor Schluss noch der Ausgleich, Südafrika schied schon nach der Vorrunde aus. Dass du als Gastgeber die Gruppenphase nicht überstehst, darf eigentlich nicht sein. Aber ganz ehrlich, schauen Sie sich die Mannschaft von 2010 doch mal an! Keine Chance.
In welcher Funktion waren Sie damals für den südafrikanischen Verband tätig? In gar keiner. Damit wollte ich nichts zu tun haben. Und das war die richtige Entscheidung. Zumal ich das Gefühl hatte, ich habe meine Schuldigkeit getan.
Weil Sie schon zweimal Nationaltrainer gewesen waren. Als wir 1996 zum ersten Mal den Afrika-Cup gewonnen haben, habe ich als technischer Berater für Clive Barker gearbeitet. Zwei Jahre später bin ich dann als Interimstrainer eingesprungen, nachdem Barker kurz vor dem Afrika-Cup entlassen worden war. Trotzdem sind wir bis ins Finale gekommen. Anschließend sollte ich die Mannschaft auch bei der WM in Frankreich betreuen. Aber das wollte ich nicht.
Wenn die Mexikaner uns unterschätzen, könnte es böse für sie enden. Wir haben einige interessante Spieler im Team.
Die WM 2002 und der Erfolg
Dafür waren Sie vier Jahre später, bei der WM in Japan und Südkorea, Südafrikas Nationaltrainer. Wie ich damals Trainer geworden bin, war unglaublich. Eines Morgens wache ich auf, und auf der Titelseite der Zeitung steht: Jomo hat zugesagt. Aber das hatten Sie gar nicht. Natürlich nicht. Es waren nur noch fünf Wochen bis zur WM in Südkorea. Aber unter meinem Vorgänger Carlos Queiroz war es eine Katastrophe gewesen. Deshalb suchte der Verband einen neuen Trainer. Ich habe denen gesagt: „Lasst meinen Namen da raus!“ Aber nachdem es in der Zeitung stand, gab es kein Zurück mehr. Ich wusste: Wenn ich jetzt nein sage, bringe ich das ganze Land gegen mich auf.
Bei der WM haben Sie dann nur knapp den Einzug ins Achtelfinale verpasst. Wir wurden punktgleich mit Paraguay Gruppendritter. Ein Tor fehlte uns zum Weiterkommen. Trotzdem war das ein großer Erfolg für Südafrika. Ein richtig großer Erfolg! Das 1:0 gegen Slowenien war unser erster Sieg überhaupt bei einer WM. Woran lag das? All unsere Topspieler standen damals im Ausland unter Vertrag. Jetzt sind es nur noch einer oder zwei. Es reicht schon, dass du sechs Monate oder ein Jahr in Europa spielst. Dann wirst du ein besserer Spieler. Das Training ist anders, die Professionalität, die Mentalität. In Südafrika siehst du am Spieltag noch Spieler, die sich in den Shoppingcentern die Zeit vertreiben. So etwas gibt es in Europa nicht. Trotzdem: Wenn die Mexikaner uns unterschätzen, könnte es böse für sie enden. Wir haben einige interessante Spieler im Team.
Talente und Vergleiche
Auf wen sollte man achten? Relebohile Mokofeng hat Qualität. Er ist einer der jüngsten Spieler im Kader und spielt bei meinem früheren Verein, den Orlando Pirates. Die Fans lieben ihn. Sie wollen sogar, dass er die Nummer 10 bekommt. Seitdem ich die Pirates verlassen habe, ist diese Nummer nicht mehr vergeben worden. Aber jetzt sind die Fans zu mir gekommen und haben gesagt: Mokofeng ist eine Nummer 10. Ich soll ihm das Trikot mit meiner Nummer überlassen. Und? Ich habe gesagt: „Das kann ich nicht entscheiden. Das ist die Sache des Klubchefs.“ Aber der hat das abgelehnt. Er hat gesagt: „Es wird nie wieder einen Spieler wie Jomo geben!“
Mokofeng ist gut. Aber ihn mit mir zu vergleichen, wird ihm nicht gerecht. Wir sind zwei unterschiedliche Spielertypen. Der Junge hat alle Möglichkeiten. Er schießt Tore und kann es schaffen – wenn er die Pirates und Südafrika verlässt. Bleibt er, gebe ich ihm nur ein kurzes Leben im Fußball.
Pelé und Beckenbauer: Die Größten
Sie gelten als einer der größten Fußballer Ihres Landes. Manche Leute in Südafrika sollen Sie sogar für besser gehalten haben als Pelé. Es gab auch in New York Menschen, die das gedacht haben. Aber das glaube ich nicht. Als ich zu Cosmos kam, war ich 21. Und Pelé 35. Das ist kein guter Vergleich. Deshalb bleibe ich dabei: Für mich ist Pelé der größte Fußballer. Der feinste Fußballer, den ich in meinem Leben gesehen habe, war Franz Beckenbauer. Größer als Maradona? Größer als Messi? Ja. Pelé hat mit beiden Füßen gespielt. Und er war in der Luft herausragend. Er war der einzige Spieler, der in der Luft stehen konnte. Kennen Sie die Parade von Gordon Banks bei der Weltmeisterschaft 1970? Schauen Sie sich das Video an! Dann verstehen Sie, was ich meine. Aber schauen Sie nicht auf Banks! Schauen Sie sich Pelé an, wie er in die Höhe steigt, wie er darauf wartet, dass der Ball zu ihm kommt. Er stand in der Luft. Dieser Typ hatte alles. Er war schnell, er war stark. Er war unglaublich. Für mich war Pelé das Beste, was dem Fußball passieren konnte.
Wer kommt Pelé am nächsten? Ich würde sagen: Lionel Messi. Weil er sich so lange an der Spitze gehalten hat. Aber es wäre unredlich, hier in Deutschland den Spieler nicht zu erwähnen, der für mich der feinste Fußballer war, den ich je habe spielen sehen. Ich habe die Siebzigerjahre erlebt, die Achtziger, die Neunziger, und ich bin immer noch da. Ich bin also ein guter Richter. Der feinste Fußballer, den ich in meinem Leben gesehen habe, war Franz Beckenbauer.
Was meinen Sie mit fein? Seine Klasse. Einmal haben wir mit Cosmos in Fort Lauderdale gespielt. Es regnete, alle Trikots waren dreckverschmiert. Nur das von Franz nicht. Seine Hosen waren auch nach 90 Minuten noch sauber. Und trotzdem war er der „Man of the Match“. Sie wissen ja, dass er die Angewohnheit hatte, Pässe mit dem Außenrist zu spielen. So hat er auch zwei meiner Tore vorbereitet. In dem Moment, in dem er aufblickte, bin ich losgelaufen. Ich habe nicht geschaut, wo er hinspielt – weil ich wusste, dass der Ball dort landen würde, wo er landen muss. Und genau dort ist er gelandet.
Die Zeit bei Cosmos
Wie war es, als junger Bursche, mit Fußballern wie Pelé und Franz Beckenbauer zusammenzuspielen? Ich würde sagen: Ich war vom Glück geküsst. Gott hat mich gesegnet, indem er sagte: Geh’ und spiel’ mit diesen Spielern! Schauen Sie sich diese Mannschaft von Cosmos an: eine unglaubliche Mannschaft! Für einen 21 Jahre alten Jungen aus Südafrika war es ein Traum, mit all diesen Spielern die Kabine zu teilen. Denn so etwas passierte einem Südafrikaner in der Zeit der Apartheid normalerweise nicht. Wenn du in Südafrika aufgewachsen bist, hast du Pelé nur im Film gesehen. Sonst nicht.
Wie sind Sie bei Cosmos gelandet? Professor Mazzei, der Manager von Pelé, hat mich in Portugal gesehen, als ich versuchte, bei Sporting Lissabon einen Vertrag zu bekommen. Er hat mich zu Cosmos eingeladen. Eine Woche sollte ich bleiben und am ersten Tag in einem Testspiel vorspielen. In der Kabine saßen ein paar junge Amerikaner, die auch im Probetraining waren. Wahrscheinlich dachten sie, dass ich kein Englisch spreche. „Der Typ ist aus Afrika“, sagten sie. „Da jagen sie Affen.“ Ich habe nichts gesagt. Wir sind auf den Platz. Nach 15 Minuten wurde ich ausgewechselt. Ich dachte, ich wäre durchgefallen, und war den Tränen nahe. Aber als ich vom Platz ging, kam Pelé zu mir, tätschelte mir den Kopf und sagte: „Gut gespielt. Du kannst meine Position übernehmen.“ Sie durften bleiben. Ja, ich war einer von drei Spielern, die sie ausgesucht haben. Leider gab es damals noch keine Mobiltelefone (lacht). Ich habe erst einmal durchgepustet. Als ich als Letzter aus der Dusche kam, hörte ich, wie die jungen Amerikaner über mich redeten: „Hast du gesehen, wie schnell er auf seinen Füßen ist? Das liegt daran, dass er in Afrika mit Affen spielt.“ Ja, habe ich geantwortet, weil ich mit Affen spiele, bin ich so gut, und deshalb habe ich das Probetraining bestanden. Sie sind beinahe gestorben. Zum Abschied sagte ich zu ihnen: „Viel Glück noch! Ihr werdet dafür bezahlen, mich spielen zu sehen.“ Und sie haben bezahlt! Das weiß ich.
Pelé hat Sie also als Fußballer akzeptiert. Auch Franz Beckenbauer. Und nicht nur als Fußballer, auch als Freund. Wir sind uns sehr nahe gekommen. Keine Ahnung, was sie so an mir angezogen hat. Aber wir sind wirklich sehr gute Freunde geworden. Eine Geschichte muss ich noch erzählen. Bitte! In Südafrika ist es das Größte, seinen Gegenspieler zu tunneln. Wir versuchen es andauernd, und auch ich habe es immer getan. Ich habe auf den Moment gewartet und meinem Gegenspieler den Ball durch die Beine geschoben. Einmal spielten wir bei Cosmos im Training sechs gegen sechs, die Südamerikaner um Pelé und Roberto Carlos gegen die Europäer um Franz Beckenbauer. Ein Gegenspieler kam von hinten, ich habe nicht gesehen, wer es war, tunnelte ihn und nahm den Ball wieder auf. Wer war es? Pelé. Mir war sofort klar, dass das nicht besonders klug gewesen war. Ich sah, dass Pelé nicht glücklich war, und dachte, er bringt mich um. Als das Spiel zu Ende war, rief Pelé mich zu sich: „Willst du der Freund der Südamerikaner sein?“, fragte er mich. „Dann sieh zu, dass du das Gleiche mit Beckenbauer machst.“ Eigentlich war das Training schon beendet. Aber Professor Mazzei sagte: Ein Durchgang noch. Dieses Mal spielte ich in Pelés Mannschaft. Und? Ich habe es getan. Ich habe ihn getunnelt. Und was glauben Sie, wer auf dem Rasen lag? Pelé. Er lachte wie ein kleines Kind. Professor Mazzei beendete das Spiel. Er sagte: „That’s it!“ In der Kabine kam Carlos Alberto zu mir und sagte: „Tu das nicht!“ Daran habe ich mich gehalten. Trotzdem war es eine herausragende Erfahrung.
Ansehen und Anekdoten
Welches Ansehen hatten Pelé und Beckenbauer innerhalb des Teams? In der Saisonvorbereitung sind wir am Giant Stadium in den Bus gestiegen, sind zehn Kilometer gefahren, vielleicht auch 15 oder 20. Dann haben sie uns rausgelassen und sagten: „Wir sehen uns am Stadion.“ Das heißt, Sie sollten von dort zurücklaufen. Genau, und wer als Letzter ankam, musste noch Extrarunden drehen. Vorneweg lief ein Marathonläufer, der das Tempo vorgab. Gute Fußballer hassen das. Ich war einer der fauleren Spieler, aber ich war mir sicher, dass ich nicht der Letzte bin. Ich hatte genau gesehen, dass noch zwei Spieler hinter mir waren, Pelé und Beckenbauer. Aber als ich am Stadion ankam, waren sie schon da. „No, man!“, dachte ich, „wie können die mich überholt haben?“ Shep Messing erzählte mir: „Sie haben ein Taxi genommen.“ (Lacht.)
Warum haben Sie nur eine Saison bei Cosmos gespielt? Eigentlich wollte ich bleiben. Aber dann hat Cosmos Eddie Firmani als Trainer verpflichtet. Einen weißen Südafrikaner. Wir sind nicht miteinander zurechtgekommen – weil er ein Arschloch war. Die Leute in New York haben gesagt, dass sie die Spiele boykottieren, wenn ich gehe. Aber ich hatte ein wirklich sehr gutes Angebot von den Colorado Caribous. Ich war schließlich nicht in die USA gekommen, um berühmt zu werden. Ich war gekommen, um Geld zu verdienen.
Obwohl Sie nur ein Jahr für Cosmos gespielt haben, haben Sie Ihren eigenen Klub in Südafrika Jomo Cosmos genannt. Ja, weil Cosmos ein spezieller Klub für mich ist. Er hat mir eine Chance fürs Leben gegeben. Dass ich mit all diesen großartigen Spielern zusammengespielt habe, dass ich die Chance hatte, Pelé und Beckenbauer so nahe zu kommen, das hat mir eine Menge bedeutet.
Politik und persönliche Erlebnisse
Wie blicken Sie auf die USA unter Präsident Donald Trump? Von Politik halte ich mich fern. Das hat mir ein großer Mann geraten, der mein Nachbar war und bei dem ich oft zu Gast war: Nelson Mandela. Mit ihm habe ich darüber gesprochen, ob ich mich einer politischen Organisation anschließen solle. Er hat mir davon abgeraten. Warum? Weil ich für die Menschen in Südafrika eine Legende bin. Für alle Menschen. Er hat mir gesagt: „Misch dich nicht ein! Überlass das uns, den Mandelas! Diesen Kampf führen wir.“ Ich stand Mandela sehr nahe. Deshalb bin ich seinem Rat gefolgt. Die Politik ist ein schmutziges Geschäft. Ich höre so viel Negatives über Trump, aber ich will mich da nicht einmischen. Wenn ich irgendetwas gegen Trump sage, wird es in allen Zeitungen in Afrika stehen.
Stimmt es eigentlich, dass Sie so beliebt waren, dass Sie sogar bei Ihrer eigenen Hochzeitsfeier entführt worden sind? Nein, das stimmt so nicht. In der Woche vor meiner Hochzeit hatte ich mit der Black World 11 gegen Crystal Palace in England gespielt. Dort gab es damals ein riesiges Rassismusproblem. Dem wollten wir etwas entgegensetzen, und zwar nicht nur eine schöne Werbekampagne. Wir haben Palace 3:1 geschlagen. Ein paar Tage später spielten die Orlando Pirates gegen Highlands Park, eine vorwiegend weiße Mannschaft aus Johannesburg. Dadurch war die Begegnung politisch aufgeladen: Schwarz gegen Weiß. Aber das Spiel musste ohne mich stattfinden, weil ich an dem Tag heiratete. Es gab noch Gespräche mit meinen Großeltern, bei denen sie aufgewachsen sind. Genau. Aber sie sagten: Nein! Meine Frau war schwanger. Wir mussten heiraten. Das war so in Südafrika. Nach der Hochzeitszeremonie saß ich mit meinem Großvater und meinem Schwiegervater im Auto. Wir hörten das Spiel im Radio. Der Reporter sagte: „Orlando Pirates zero, Highlands Park two.“ Zum Glück hatte ich meine Fußballschuhe im Auto dabei. Sie sind zum Stadion gefahren? Zwei Minuten vor der Pause kam ich dort an. Als die Leute mich sahen, haben sie die Eingangstore eingerissen. Bei meiner Einwechslung bekam ich die größte Standing Ovation meines Lebens. Ich habe zwei Tore erzielt und zwei weitere vorbereitet. Wir gewannen 4:2. Und wissen Sie, was das Witzige ist: Diesen Klub Highlands Park, diesen vorwiegend weißen Klub, den wir damals geschlagen haben, den habe ich später gekauft. Dieses Team ist heute Jomo Cosmos.



