Ein Sommer-Drama: Karls WM-Aus erschüttert Fußball-Deutschland
Wissen Sie, auf welchen deutschen Spieler ich mich bei der anstehenden Weltmeisterschaft am meisten gefreut habe? Ganz klar: auf Lennart Karl! Dass sich der Star des FC Bayern München so kurz vor dem Turnier eine schwere Verletzung zugezogen hat und nun abreisen muss, ist ein echtes Drama. Ein Drama für ihn persönlich, ein Drama für die Nationalmannschaft und ein Drama für den gesamten deutschen Fußball.
Ein außergewöhnliches Talent
Lennart Karl. Ein Typ Fußballer, von dem ich befürchtet hatte, dass wir ihn in dieser Form gar nicht mehr zu Gesicht bekommen würden. Gerade einmal 18 Jahre alt, 1,68 Meter groß und rotzfrech. Er ist ein echter Straßenfußballer – eine Spezies, die eigentlich als ausgestorben galt. Man kann ihn mit Größen wie Littbarski, Basler oder Götze vergleichen. Auf ihn kann sich kein Gegenspieler richtig einstellen, weil er dribbelt, wenn eigentlich gar kein Platz zum Dribbeln ist. Er feuert aufs Tor, wenn niemand damit rechnet. Und er hat Ideen, die sonst niemand im deutschen Fußball hat.
„Ich scheiß‘ mir nichts“, sagte er nach dem 4:0-Sieg gegen Finnland, bei dem er der beste Mann auf dem Platz war. Karl ist einer, der sich alles traut – mit und ohne Ball.
Erinnern Sie sich?
Erinnern Sie sich daran, wie er nach dem Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid von Kopf bis Fuß in Pink gekleidet über das Feld marschierte? Oder an seine glamourösen Posts mit Influencer-Freundin Zoe Käppele? Bei anderen Spielern seines Alters wäre ich fassungslos. Bei Karl ist es ein wenig wie bei Bayern-Legende Franck Ribéry. Dem konnte man auch nie böse sein. Nicht einmal dann, wenn er sich ans Steuer des Mannschaftsbusses setzte und eine dicke Beule hineinfuhr.
Ein kometenhafter Aufstieg
Vor einem Jahr kannte Karl noch niemand. Dann folgte ein Aufstieg, wie es ihn bei einer Top-Mannschaft wie Bayern lange nicht gegeben hat. Sein erstes Bundesliga-Spiel liegt gerade einmal neun Monate zurück. Sein erstes Tor erzielte er vor acht Monaten. Sein erstes Länderspiel absolvierte er vor gerade einmal zehn Wochen. Und trotzdem: Im Rennen um den Startplatz auf der rechten Angriffsseite hatte er zuletzt die Nase vorn.
Die Alternativen
Die wahrscheinlichsten Alternativen heißen nun Sané, der sich bei Galatasaray nicht mehr für einen Stammplatz empfehlen konnte, und Leweling, der Stuttgarter, dem ich den einen WM-Moment à la Odonkor (2006) oder Götze (2014) einfach nicht zutraue. Diese Hoffnung hatte ich bei Karl.
Vier Jahre warten
Karl muss nun vier Jahre warten, bis er sich auf gleicher Bühne wieder zeigen kann. Dann wird er mit 22 Jahren immer noch einer der Jüngsten sein. Und garantiert nicht daran zerbrochen sein, dass er die Amerika-WM verpasst hat. Das würde zu „Scheiß-mir-nix-Karl“ einfach nicht passen.
Was bleibt?
Und was lässt uns jetzt auf eine gute WM hoffen? Mich persönlich nicht viel. Weil ich glaube, dass wir mit Karl mehr verlieren als nur einen von 26 Spielern. Wir verlieren in einem Kader, der längst nicht so stark besetzt ist wie in unseren vier Weltmeister-Sommern, das Unberechenbare und Unbekümmerte. Ein Drama!



