Das Wunder des Raúl Jiménez
Fünfeinhalb Jahre nach einem Schädelbruch erzielt Raúl Jiménez bei der Heim-WM sein erstes WM-Tor – per Kopf. Hinter ihm liegen eine Zeit der Ungewissheit, der Hoffnung und eine außergewöhnliche Rückkehr.
Ein entscheidender Moment im Eröffnungsspiel
Mitten in der zweiten Halbzeit war plötzlich der Frust zu spüren. Im WM-Eröffnungsspiel gegen Südafrika führte Mexiko zwar mit 1:0 und spielte in Überzahl. Weil die Gastgeber jedoch immer passiver wurden und keine Lösungen gegen das hohe Pressing der Gegner fanden, stieg die Nervosität. Nach all der Euphorie gab es plötzlich Pfiffe von den Rängen des Aztekenstadions. Es war ein heikler Moment. Doch dann – im genau richtigen Moment – tauchte Raúl Jiménez im Strafraum auf und köpfte zum 2:0 für Mexiko ein. Ausgerechnet Raúl Jiménez. Und ausgerechnet mit dem Kopf.
Ein Spieler für besondere Momente
Einerseits ist Jiménez genau der Mann für solche Momente. Der 35-Jährige hat 125 Einsätze für Mexiko gesammelt, spielt bei seiner vierten WM und hat mehr als ein Jahrzehnt an der Spitze des europäischen Fußballs hinter sich. Dass Jiménez aber noch Kopfballtore erzielt – dass er überhaupt bei einer WM spielen kann – grenzt andererseits an ein Wunder. Vor fünfeinhalb Jahren erlitt der mexikanische Stürmer nämlich eine Kopfverletzung, die nicht nur seine Karriere, sondern beinahe sogar sein Leben hätte beenden können.
Der schicksalhafte Zusammenprall
Bei einem Spiel seines damaligen Vereins Wolverhampton Wanderers im November 2020 prallten er und Arsenal-Verteidiger David Luiz bei einem Zweikampf mit den Köpfen zusammen. Jiménez wurde sofort ohnmächtig und musste direkt ins Krankenhaus gebracht werden. „Ich habe gar keine Erinnerung mehr an diesen Tag. Ich erinnere mich noch daran, wie wir im Stadion ankamen, aber danach ist es, als ob nichts passiert ist“, sagte Jiménez einst in einem Interview mit ESPN über seinen Unfall beim Fußballspiel vor fünf Jahren.
Diagnose und Genesung
Die Diagnose lautete: Schädelbruch und Einblutungen im Gehirn. Im Londoner St. Mary’s Hospital mussten die Chirurgen schnell arbeiten, um den Spieler vom Schlimmsten zu retten. „Ich wusste aber, dass ich zurückkommen würde“, so Jiménez. Das tat er auch. Schon acht Monate später, zum Beginn der Folgesaison, hatte Jiménez eine mirakulöse Genesung vollzogen. Er war nicht nur am Leben, sondern konnte auch spielen und sogar Bälle mit dem Kopf spielen. Trainiert hatte er dafür zunächst mit Schaumbällen, arbeitete sich dann Stück für Stück wieder hoch zum schweren Lederball. Noch heute trägt er bei jedem Spiel ein maßgeschneidertes Kopfband, um seinen Schädel zu schützen.
Der Aufschwung beim FC Fulham
Folgenlos blieb die Verletzung jedoch nicht, und erst ein paar Jahre später, nach einem Wechsel zum FC Fulham, blühte Jiménez’ Karriere wieder so richtig auf. Für die Weißen schoss er in den vergangenen drei Saisons stolze 28 Tore, neun davon mit dem Kopf. In diesem Sommer schließt sich nun endgültig der Kreis. Erst vor drei Tagen verkündete Jiménez seine Rückkehr zu den Wolverhampton Wanderers. Am Donnerstag erlebte der „Wolf von Tepeji“ dann wohl den größten Moment seiner langen und dramatischen Karriere.
Ein historisches Tor
Der Kopfballtreffer gegen Südafrika war nämlich Jiménez’ erstes WM-Tor. Damit versetzte er nicht nur das Estadio Azteca, sondern das gesamte Land in Ekstase. Denn mit dem Sieg hatte Mexiko auch einen merkwürdigen Fluch beendet. Siebenmal zuvor hatte El Tri schon an einem WM-Eröffnungsspiel teilgenommen. Nie hatten sie bisher gewinnen können. Das ist nun anders – und zwar auch dank Raúl Jiménez.
Emotionen und Tränen
Bei seinem Torjubel zeigte Jiménez in den Himmel und kämpfte sichtbar gegen die Tränen. Seinem kürzlich verstorbenen Vater hatte er im vergangenen Jahr noch versprochen, seine Karriere mit einem WM-Tor zu krönen. Als er in der 76. Minute ausgewechselt wurde, wurde der 35-Jährige mit der vollen Wucht des Aztekenstadions gefeiert. Nicht nur bei ihm, sondern bei vielen der fast 80.000 Mexiko-Fans kullerten dann die Tränen. Später lief Jiménez mit breitem Lächeln über den Platz und formte mit seinen Händen ein Herz in Richtung der Fans. Es war ein Moment, den man diesem Spieler nun gönnen konnte.
Lob vom Trainer
Auch Mexikos Trainer Javier Aguirre, der nach dem Spiel äußerst kritisch mit seinem Team ins Gericht ging, zeigte sich emotional, als er auf Jiménez zu sprechen kam. „Er ist ein toller Junge und ich habe schon gesagt, dass dies seine WM sein wird“, sagte Aguirre. „Ich bin sehr froh für ihn: Er hat das verdient.“



