Matthias Sammer (58) hat nach dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft mit deutlichen Worten abgerechnet. In einem Interview mit der „ZEIT“ verglich der frühere DFB-Sportdirektor das deutsche Team mit den für ihre unfaire Spielweise kritisierten Argentiniern und stellte fest: „Ihre Spielweise ist mir lieber als das, was ich im Moment bei der deutschen Mannschaft sehe. Bei der kann ich gar nichts mehr erkennen, weder sportlich noch mental. Sie gibt Anlass, den Begriff Hilflosigkeit neu zu definieren.“
Sammer kritisiert Fitness und Spielidee
Bei der Analyse des deutschen Auftritts kritisierte Sammer die mangelnde Fitness und das Fehlen einer klaren Spielidee. Besonders störte ihn jedoch der Eindruck, „dass unserer Mannschaft der unbedingte Siegeswille fehlt“. Er betonte, dass Leistung in den letzten Jahren zu sehr in den Hintergrund gerückt sei: „Um Leistung ging es bei diesem Turnier wie schon die Jahre zuvor überhaupt nicht mehr. Es ging um Wohlfühlen, Unehrlichkeit spielte eine Rolle, Konflikte wurden nicht angesprochen.“
Wohlfühl-Kultur als Hindernis
Sammer übte scharfe Kritik an der sogenannten Wohlfühl-Kultur im DFB. „Man hat versucht, nach den Regeln möglichst großer Bequemlichkeit und Zufriedenheit etwas Außergewöhnliches zu erreichen. Das kann im Sport und im Leben nicht funktionieren“, sagte er. Die Mannschaft sei „ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Manchmal gibt es mehr Schein als Sein.“ Diese Entwicklung habe dazu geführt, dass man sich für traditionelle Stärken wie die „sprichwörtlichen deutschen Tugenden“ schäme.
Grundlegende Reformen gefordert
Der 58-Jährige forderte grundlegende Reformen im DFB. Der Verband müsse klare Leitlinien vom Kinderfußball bis zur Nationalmannschaft vorgeben. „Dafür muss der DFB aber endlich verstehen, dass er inhaltlich die Führungsrolle übernehmen muss. Er muss die richtigen Menschen finden, die die übergeordneten Leitlinien der inhaltlichen Arbeit festlegen“, so Sammer. Konkret verlangte er mehr Grundlagenausdauer, mehr Grundlagentechnik und eine gezielte Persönlichkeitsentwicklung.
Sammer bietet Hilfe an
Im Interview signalisierte Sammer seine Bereitschaft, dem deutschen Fußball inhaltlich zu helfen. Er stellte jedoch klar: „Es geht nicht um eine Funktion oder einen Posten für Matthias Sammer, sondern um Inhalte.“ Über den designierten Bundestrainer Jürgen Klopp (59) äußerte er sich positiv: „Klopp ist genau der Richtige für diese Position. Jürgen steht für etwas Physisches und hohes Tempo. Er hat eine klare Spielidee mit und gegen den Ball. Er hat Aura und Autorität.“ Sammer wies jedoch darauf hin, dass Klopp als Bundestrainer künftig nicht mehr in der täglichen Trainingsarbeit stecke und auf das angewiesen sei, „was in der Pyramide, in der Nachwuchsarbeit unter ihm, geschieht.“



