Thomas Tuchel (52) steht mit der englischen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale – ein Erfolg, den die deutsche Nationalelf seit zwölf Jahren nicht mehr erreicht hat. Nach dem 2:1-Sieg im Viertelfinale gegen Norwegen zeigte Tuchel eine Wutreaktion, die stark an Franz Beckenbauer erinnert. Der „Kaiser“ war 1990 nach einem 1:0 gegen die Tschechoslowakei derart verärgert über die schwache Leistung seines Teams, dass er einen Eiskübel durch die Kabine trat. Tuchel rastete ebenfalls aus, weil ihm die Spielweise seiner Mannschaft missfiel. Sein Motto: „Wenn ihr glaubt, ihr seid die Größten – hole ich euch direkt auf den Boden zurück!“
Parallelen zwischen Tuchel und Beckenbauer
England siegt unter Tuchel ähnlich wie Deutschland bei früheren Turnieren: nicht schön, aber erfolgreich. Eine weitere Parallele: Tuchel hat während der WM sichtbar an Gewicht verloren, genau wie Beckenbauer 1990, der insgesamt sieben Kilo abnahm. Beckenbauers Mutter Antonie war damals so besorgt, dass sie ARD-Legende Gerd Rubenbauer mitgab: „Sagen Sie dem Bua, er soll mehr essen!“
Der Unterschied zwischen Beckenbauer und Tuchel: Der „Kaiser“ wurde von seinen Spielern fast nur geliebt, Tuchel dagegen auch gehasst. Beim FC Bayern gilt Tuchel als einer der schlechtesten Trainer, die der Klub je hatte. Er fluchte ständig über seine Spieler, forderte neue Stars und hinterließ eine zerstrittene Kabine.
Erfolgsrezept Besessenheit
Kai Havertz, der mit Tuchel 2021 bei Chelsea die Champions League gewann, zeichnet ein anderes Bild: „Tuchels Besessenheit ist sein Erfolgsrezept. Er weiß alles über seine Spieler und die Gegner. Und als Spieler weißt du: Wenn du umsetzt, was er sagt, wirst du gewinnen. Egal, wie schräg es vielleicht klingt.“
Wenn England die nächsten beiden Spiele gewinnt, winkt der erste WM-Titel seit 1966. Sollte das gelingen, wird Tuchel von König Charles zum Ritter geschlagen – auch als Deutscher. Dann hätte England einen deutschen Kaiser.



