Generalabrechnung nach dem Rückzieher
Die UEFA hat die Führung des Fußball-Weltverbands in einer am Samstag veröffentlichten Stellungnahme scharf attackiert. Obwohl Europas Fußball-Dachverband den Rückzug von FIFA-Präsident Gianni Infantino vom geplanten Verkauf der WM-Vermarktungsrechte ausdrücklich begrüßte, wird zwischen den Zeilen deutlich: Für die UEFA ist die Affäre noch längst nicht beendet. Im Gegenteil – die Europäer nutzen den Moment für eine grundsätzliche Abrechnung mit Infantino und dessen Führungsstil.
Die Stellungnahme lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Gleich zu Beginn wird die Führung des Weltverbands rundweg abgelehnt: „Die derzeitige FIFA-Führung hat nicht nur das Vertrauen der UEFA, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie verloren.“ Damit schlägt die UEFA einen Ton an, der weit über die Kritik am konkreten Projekt hinausgeht. Es geht nicht mehr um einzelne Entscheidungen, sondern um die Legitimation der FIFA-Spitze insgesamt.
„Wir können so nicht weitermachen“
Die UEFA nutzt das Scheitern des Deals, um grundsätzliche Forderungen zu stellen. In der Erklärung heißt es wörtlich: „Wir können so nicht weitermachen – mit geheimen Plänen, die im Eiltempo von anonymen Personen ausgeheckt werden und deren Nutzen für den Sport zweifelhaft ist.“ Besonders brisant ist der Vorwurf der Anonymität: Offenbar wissen die Europäer nicht einmal, wer hinter dem Rechteverkauf gestanden haben soll.
Die Konsequenz daraus lautet für die UEFA: „Wir müssen die Verantwortlichen identifizieren und zur Rechenschaft ziehen.“ Verbunden damit ist die Ankündigung, einen Plan auszuarbeiten, der sicherstellen soll, dass sich ein solcher Vorgang nicht wiederholt. Die Wortwahl erinnert an ein Misstrauensvotum: Die UEFA erwartet offenbar mehr als nur eine Entschuldigung – sie will handfeste Veränderungen in der Führung der FIFA.
Infantinos Versprechen von 2016
Besonders hart wird die Kritik an Infantino persönlich vorgetragen. Die UEFA erinnert an die Versprechen, die der Schweizer bei seiner Wahl zum FIFA-Präsidenten im Jahr 2016 gegeben hatte. Damals sicherte Infantino zu, für Transparenz zu sorgen. Außerdem erklärte er, das Geld des Weltverbands gehöre den Mitgliedsverbänden und müsse der Entwicklung des Fußballs zugutekommen.
Aus Sicht der UEFA ist von diesen Zusagen nichts übrig geblieben. In der Stellungnahme heißt es unmissverständlich: „Beide Versprechen hat er nicht eingehalten.“ Und dann legt die UEFA nach: „Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte, undurchsichtige Deal, den er ausgeheckt und durchzusetzen versucht hat, war alles andere als transparent.“ Damit werden die Vorwürfe nicht nur auf fachlicher, sondern auch auf persönlicher Ebene formuliert – ein Vorgang, der in der Geschichte der FIFA-UEFA-Beziehungen selten ist.
Fünf Milliarden Reserven: Warum der Verkauf?
Die UEFA stellt zudem die grundsätzliche Frage, warum die FIFA es überhaupt für nötig hielt, über den Verkauf von Rechten an der Fußball-WM nachzudenken. Schließlich verfügt der Weltverband nach Angaben der Europäer über Reserven von mehr als fünf Milliarden US-Dollar. Dieses Geld liege weitgehend ungenutzt auf Konten der FIFA, so die Kritik.
Statt neuer Investoren fordert die UEFA nun eine andere Verwendung der vorhandenen Mittel. Wörtlich heißt es: „Wir müssen damit beginnen, einen Teil des Geldes, das auf dem Bankkonto der FIFA ungenutzt herumliegt, einzusetzen.“ Eine Notwendigkeit, das „Familiensilber“ zu verkaufen, sieht die UEFA nicht. Mit dieser Wortwahl stellt sie den Rechteverkauf als eine Art Notverkauf dar, der jeder ökonomischen Vernunft widerspricht.
Neues Modell für die Verteilung
Die UEFA will sich nun selbst an die Spitze einer Bewegung setzen, um die Verteilung der FIFA-Gelder grundlegend zu reformieren. Gemeinsam mit Partnern und anderen Konföderationen sollen Vorschläge erarbeitet werden, wie die Mittel künftig besser eingesetzt werden können. Im Fokus steht dabei das bestehende Förderprogramm „FIFA Forward“, über das die FIFA ihre Mitgliedsverbände finanziell unterstützt.
Profitieren sollen nach dem Willen der UEFA insbesondere der Breitensport und kleinere Verbände, die bislang oft das Nachsehen haben. Der Vorstoß ist strategisch klug: Er zeigt, dass die UEFA nicht nur Kritik übt, sondern auch konstruktive Alternativen anbietet. Damit kann sich der europäische Verband als verantwortungsbewusster Partner präsentieren, der das Wohl des gesamten Fußballs im Blick hat – ganz im Gegensatz zur FIFA-Spitze, wie die UEFA nahelegt.
„Ein Sieg für den gesamten Fußball“ – aber kein Ende
Trotz der harschen Worte erkennt die UEFA an, dass der Rückzug von Infantino ein Erfolg ist. „Dies ist ein Sieg für den gesamten Fußball“, schreibt der Verband. Die Zugeständnisse der FIFA seien das Ergebnis des Drucks, den die Fußballfamilie aufgebaut habe. Dennoch wäre es ein fataler Fehler, die Angelegenheit nun auf sich beruhen zu lassen.
Die UEFA schließt ihre Stellungnahme mit einer deutlichen Warnung: „Doch damit darf die Geschichte noch nicht zu Ende sein.“ Für Infantino dürfte diese Generalabrechnung somit auch in den kommenden Wochen und Monaten Nachwirkungen haben. Die Forderung nach Aufklärung und Rechenschaft bleibt auf der Tagesordnung – und die UEFA wird ein wachsames Auge darauf haben, wie die FIFA mit der Affäre umgeht. Der Streit um den Verkauf von WM-Rechten ist damit nicht beigelegt, sondern drückt auf die Beziehung der beiden mächtigsten Fußballorganisationen der Welt.



