Im Sommer kursiert ein Ratschlag besonders häufig: Trinken, trinken, trinken. Wer sich bei hohen Temperaturen viel bewegt, fühlt sich schnell dazu verpflichtet, die Trinkflasche nicht mehr loszulassen. Doch diese Haltung kann gesundheitlich nach hinten losgehen. Vor allem Sportler neigen dazu, Wasser in unkontrollierten Mengen zu sich zu nehmen. Das sei grenzwertig, warnt Dr. Marc Werner, Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Evangelischen Kliniken Essen-Mitte (KEM).
Dr. Werner stellt klar: „Ausreichend zu trinken ist wichtig. Aber auch beim Wasser gilt: Mehr ist nicht automatisch besser.“ Mit diesem Satz widerspricht er der weit verbreiteten Annahme, dass der Körper an heißen Tagen gar nicht genug Flüssigkeit bekommen könne. Die Menge, die der Körper tatsächlich verarbeiten kann, ist begrenzt.
Die Grenze der Nieren
Der menschliche Körper verfügt über ein ausgeklügeltes System zur Regulierung des Wasserhaushalts. Die zentrale Rolle spielen dabei die Nieren. Sie filtern das Blut und scheiden überschüssige Flüssigkeit über den Urin aus. Allerdings ist die Ausscheidungsleistung begrenzt. Üblicherweise schafft die Niere pro Stunde nur 0,7 bis maximal einen Liter. Wer innerhalb kurzer Zeit mehr trinkt, setzt die natürliche Entsorgung außer Kraft.
Das überschüssige Wasser bleibt im Körper und führt zu einer Überhydratation. In der Medizin wird dieser Zustand auch als Hyperhydration oder Wasserüberschuss bezeichnet. Die Folgen zeigen sich im Blutbild.
Die Gefahr der Wasservergiftung
Trinkt man mehr Wasser, als die Nieren ausscheiden können, verdünnt sich das Blut. Konkret sinkt der Natriumgehalt im Blut. Natrium ist ein lebenswichtiger Elektrolyt, der den Flüssigkeitshaushalt der Zellen und die Funktion der Nerven reguliert. Fällt der Natriumspiegel zu stark ab, sprechen Fachleute von Hyponatriämie – im Volksmund oft Wasservergiftung genannt.
Ein solcher Zustand kann erhebliche gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Der Körper gerät aus dem Gleichgewicht. Warnsignale sind zum Beispiel Kopfschmerzen, Übelkeit und ein allgemeines Unwohlsein. Diese Symptome treten allerdings erst auf, wenn die Überhydratation bereits fortgeschritten ist. Deshalb ist Vorbeugung besonders wichtig.
Warum Sportler besonders gefährdet sind
Die Warnung von Dr. Werner richtet sich vor allem an Menschen, die bei Hitze Sport treiben. Beim Schwitzen verliert der Körper Flüssigkeit und Elektrolyte. Viele Athletinnen und Athleten versuchen, diesen Verlust durch große Trinkmengen auszugleichen. Dabei überschätzen sie jedoch häufig den tatsächlichen Bedarf.
Gerade bei langen Läufen, Radtouren oder anderen Ausdauerbelastungen greifen viele zu Wasserflaschen, als gäbe es kein Limit. Das kann nach hinten losgehen. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, orientiert sich am Durstgefühl und trinkt nicht über das natürliche Verlangen hinaus.
So trinkt man richtig
Auch wenn die Warnung angesichts der Hitze paradox klingen mag: Wer auf den eigenen Körper hört, ist in der Regel gut beraten. Der Durst ist ein verlässliches Signal für den Flüssigkeitsbedarf. An heißen Tagen darf man diesem Signal ruhig folgen, ohne sich dabei zu zwängen.
Empfehlenswert ist es, die Trinkmenge über den Tag zu verteilen. Wer regelmäßig kleine Mengen zu sich nimmt, entlastet die Nieren und vermeidet extreme Schwankungen. Schnelle, große Mengen auf einmal sind dagegen unnötig und können den Körper überfordern.
Die Balance finden
Die Kernbotschaft des Mediziners ist einfach: Wasser ist lebensnotwendig, aber kein Freibrief für unbegrenzten Konsum. Die Nieren geben die Geschwindigkeit vor, in der der Körper Flüssigkeit verarbeiten kann. Wer sich daran orientiert, hält den Wasserhaushalt im Gleichgewicht und schützt sich vor den Folgen einer Überhydration.
Dr. Marc Werner appelliert daran, die eigene Trinkgewohnheit zu hinterfragen und nicht blind auf gut gemeinte Ratschläge zu vertrauen. Seine Leitlinie gilt nicht nur für den Sommer: Mehr ist nicht automatisch besser – auch nicht beim Wasser.



