Ein verschenktes Jahr: Charlottenburger Wirte kämpfen um jeden Stuhl
Ein verschenktes Jahr: Charlottenburger Wirte kämpfen

Im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf schwelt ein Streit, der längst zur Geduldsprobe für die örtliche Gastronomie geworden ist: Unternehmer, die ihre Außenbestuhlung erweitern wollen, sehen sich einer scheinbar unüberwindbaren Behördenwand gegenüber. Einer von ihnen ist Antonino Raccuglia, Betreiber des Restaurants „Piccola Taormina“ in der Uhlandstraße. Er hat nach eigenen Angaben mindestens zehn Anträge auf eine Ausweitung der Außengastronomie eingereicht – ohne einen einzigen Erfolg. Die Bezirksverwaltung bleibt ihrem restriktiven Kurs treu.

Die Rede ist von einem „verschenkten Jahr“: Viele Wirte hatten gehofft, nach den vergangenen Krisen endlich mehr Freiheiten bei der Nutzung des öffentlichen Raums zu bekommen. Stattdessen stehen sie vor verschlossenen Türen. Aufenthalte im Freien sind für viele Gäste längst zum Standard geworden – und für die Betriebe ein überlebenswichtiger Faktor. Der anhaltende Widerstand des Bezirks gegen zusätzliche Stühle und Tische stößt deshalb auf wachsendes Unverständnis.

Bürokratie statt Flexibilität

Die Antragsverfahren ziehen sich nach Darstellung der Gastronomen häufig über Monate hin. Es folgen Rückfragen, Nachbesserungen, erneute Prüfungen. Am Ende stehe oft eine Ablehnung, deren Begründung den Betroffenen nicht einleuchte. Angegeben würden etwa fehlende Gehwegbreiten oder mögliche Beeinträchtigungen für Passanten und den fließenden Verkehr. Doch die Wirte kontern: Viele der abgelehnten Flächen seien tagsüber kaum genutzt und böten genügend Raum für eine gastronomische Nutzung.

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Auch Raccuglia berichtet von einem zermürbenden Hin und Her. Trotz detaillierter Anträge, Skizzen und Gesprächen habe der Bezirk keine Bereitschaft gezeigt, die Situation zu überdenken. Die Konsequenz: Das Lokal in der Uhlandstraße muss weiterhin mit einer kleineren Terrasse auskommen, obwohl der Platz auf dem Gehweg aus Sicht des Wirtes dafür durchaus ausreichen würde. Aus seiner Sicht fehlt es an politischem Willen, die Branche zu unterstützen.

Außengastronomie als Wirtschaftsfaktor

Die wirtschaftliche Bedeutung der Außengastronomie ist kaum zu überschätzen. Ein erheblicher Teil der Umsätze wird in den wärmeren Monaten draußen erzielt. Wer hier keine Erweiterung genehmigt bekommt, verliert unmittelbar Einnahmemöglichkeiten. In Zeiten gestiegener Energie-, Personal- und Lebensmittelkosten ist das für viele Betriebe existenzgefährdend. Insbesondere kleinere Lokale ohne große Innenflächen sind auf jede zusätzliche Terrasse angewiesen.

In Charlottenburg-Wilmersdorf kommen die Ablehnungen besonders zum Tragen, weil der Bezirk eine hohe Dichte an Gastronomie aufweist. Die Kieze leben von der Mischung aus Restaurants, Cafés und Bars. Wenn die Betriebe gezwungen sind, Gäste abzuweisen oder gar Plätze abzubauen, leidet nicht nur die Umsatzbilanz, sondern auch die Lebensqualität im Viertel. Die Besucher ziehen womöglich in andere Bezirke, in denen die Sondernutzung von Gehwegen großzügiger genehmigt wird.

Behörde verweist auf Regeln

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf verteidigt seine Linie. Man müsse die Interessen aller Verkehrsteilnehmer berücksichtigen, heißt es aus dem Rathaus. Die geltenden Richtlinien zur Sondernutzung würden einheitlich angewendet; Ausnahmen würden die Gleichbehandlung gefährden. Diese Argumentation lässt die Gastronomen jedoch kalt. Sie verweisen darauf, dass viele andere Städte – auch in Berlin – ihre Genehmigungspraxis längst liberaler und unbürokratischer gestaltet haben.

Kritiker unter den Wirten bemängeln zudem, dass der Bezirk keine erkennbaren Anstrengungen unternehme, um Lösungen zu entwickeln. Die Anträge würden nicht individuell geprüft, sondern nach Schema abgehandelt. Ein Gastronom könne trotz bester Argumente keine Chance auf eine positive Entscheidung haben. Es fehle an einem Dialog, der die Realitäten der Branche anerkenne.

Hoffnung auf den Senat

Angesichts der örtlichen Blockade richtet sich die Hoffnung der Gastronomen nun an die übergeordnete Ebene. Der Berliner Senat hatte in der Vergangenheit mehrfach angekündigt, die Außengastronomie zu fördern und Genehmigungsverfahren zu vereinfachen. Die Wirte fordern, dass diese Ankündigungen auch in den Bezirken umgesetzt werden. Ohne verbindliche Vorgaben sei man dem Gutdünken der lokalen Verwaltungen ausgeliefert.

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Bis dahin geht der Kampf um jeden Stuhl weiter. Die Gastronomen in Charlottenburg-Wilmersdorf bereiten bereits die nächsten Schritte vor – doch das verlorene Jahr lässt sich nicht mehr aufholen. Die Terrassensaison 2026 ist für viele Betriebe in Charlottenburg-Wilmersdorf damit zu einem großen Teil vertan. Ob die nächste Antragsrunde mehr Erfolg bringt, ist ungewiss. Fest steht: Der Unmut in der Gastronomie wächst – und mit ihm die Bereitschaft, den Konflikt öffentlich auszutragen.