Wimbledon: Magie, Mythen und die einzigartigen Traditionen des Rasenklassikers
Wimbledon: Magie, Mythen und Traditionen des Rasenklassikers

Wimbledon – welch Zauber wohnt diesem Ort inne! Knapp 70.000 Menschen leben hier. Eigentlich nicht groß genug, um weltbekannt zu werden. Aber seit 1877 gibt es ein Tennisturnier, das längst zur Legende geworden ist. Wimbledon, das ist mehr als nur eines der vier Grand-Slam-Turniere, es ist ein Mythos, es ist quasi das Synonym für Tennis. Wer Wimbledon sagt, weiß, dass es um Tennis geht. Wer Tour de France sagt, weiß, dass es Radsport ist, wer Beckenbauer oder Pelé sagt, spricht vom Fußball. Begriffe, die keiner weiteren Erklärung bedürfen.

So wäre es auch für Alexander Zverev (29) kein Turniersieg wie jeder andere, sollte er hier gewinnen. Sein Gegner Jannik Sinner (24) kennt das Gefühl schon, von Prinzessin Kate (44) die Trophäe überreicht zu bekommen. Es gibt so viele Dinge, die es bei keinem anderen Turnier gibt, ob es Regeln, die Etikette oder die unfassbaren Geschichten sind, die hier passierten. Wimbledon, das ist im Tennis mehr als ein Sieg bei den French Open oder Olympia. Bist du Wimbledonsieger, hebst du dich von den anderen erfolgreichen Stars ab.

Die Anfänge: Boris Becker und Steffi Graf

Ich hörte bewusst 1985 zum ersten Mal von Wimbledon. Ich sah, wie sich der ungesetzte Boris Becker mit gerade mal 17 Jahren zum jüngsten Sieger der Geschichte an der Church Road aufschwang. Der ist er bis heute. Ja, ich bin eines dieser typischen Boris-Kinder, die mit dem Leimener groß wurden. Und mit Steffi Graf, die ein paar Monate später begann, sich zu einem der größten Namen der Sporthistorie aufzuschwingen. Und auch sie schaffte das vor allem durch Wimbledon, wo sie sieben ihrer 22 Grand-Slam-Siege holte.

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Die einzigartigen Regeln und Traditionen

W wie Weiß: Alle Spieler müssen weiß tragen. Die Ausnahme auf der Kleidung bilden dezent gehaltene Logos der Ausrüster. Die Schiedsrichter schicken einen Profi auch schon mal zum Umziehen zurück in die Kabine, wenn es ihnen nicht weiß genug ist.

I wie Isner, John (41): Der Amerikaner sorgte mit dem Franzosen Nicolas Mahut (44) auf Court 18 für das längste Match der Tennis-Geschichte. Über drei Tage erstreckte sich die wegen Dunkelheit und Regens mehrfach unterbrochene Partie über 11:05 Stunden. 6:4, 3:6, 6:7, 7:6, 70:68 hieß es am Ende für Isner, da es im fünften Satz noch keinen Tiebreak gab.

M wie Middle Sunday: Bis 2021 war der erste Sonntag des Turniers, der in der Mitte der zwei Wochen lag, spielfrei. Aufgrund des zunehmend schlechten Wetters und der immer weiter steigenden Anzahl an Wettbewerben wurde er ab 2022 auch zum Spielen genutzt. Das entlastet seitdem den Zeitplan merklich. Der Middle Sunday war eines dieser Unikate wie die weiße Kleidung.

B wie Belag: Wimbledon ist das einzige Rasenturnier unter den vier Grand Slams. Die Plätze sind in der Tat heilig. Nicht mal die Qualifikation wird auf ihnen gespielt, sondern in Roehampton. Aber das zumindest hatte Wimbledon nicht immer exklusiv. Auch die Australian Open fanden bis 1987 auf Rasen statt. Bei den US Open wurde bis 1974 auf Gras gespielt. Inzwischen ist die Rasensaison mit fünf Wochen längst die kürzeste.

Besondere Aspekte des Turniers

L wie Last 8 Club: Dieses Jahr schafften Jan-Lennard Struff (36) und Zverev die Aufnahme in den illustren Kreis. Damit sind 27 Deutsche hier vertreten. Voraussetzung: Viertelfinale im Einzel, Halbfinale im Doppel oder Finale im Mixed in Wimbledon.

E wie Erdbeeren: Das Symbol für Wimbledon für jedermann. Mit der berühmten Cream, aber auch ohne, ein Genuss. Zehn Stück sollten in jeder Portion sein, die 3,35 Euro kostet.

D wie Draw: Die Auslosung ist in Wimbledon ganz besonders. Die Weltrangliste interessiert hier nicht unbedingt. Nach Gutdünken werden da manchmal schon die begehrten Plätze der Setzliste vergeben. So wurde Roger Federer (44) noch 2018 als Nummer 2 der Welt an Nummer 1 gesetzt, weil er nach Meinung der Chefs des All England Lawn Tennis & Croquet Club der bessere Rasenspieler gegenüber dem Weltranglisten-Ersten Rafael Nadal (40) gewesen sei.

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O wie Over and out: Um 23 Uhr ist Schluss mit Tennis, egal, wie es steht. Trotz des Daches auf dem Centre Court und Court 1 fühlen sich die Anwohner rund um die Anlage von den abwandernden Zuschauern gestört, die zur Bahnstation Southfields oder ins Wimbledon Village laufen. Die nächtlichen Ruhestörungen seien für sie nicht hinnehmbar, selbst wenn es nur zwei Wochen im Jahr sind.

N wie Navratilova, Martina (69): Neun Erfolge in Wimbledon, so viele, wie niemand sonst im Einzel, weder bei den Frauen, noch bei den Männern. Sie ist immer noch jedes Jahr zu Gast, meist als Expertin beim US-Sender ESPN.

Das unvergleichliche Erlebnis

Das alles und noch viel mehr ist Wimbledon. Früh auf die Anlage zu kommen, bevor die Zuschauer eingelassen werden, und den Duft des frisch gemähten Rasens in der Nase zu spüren, ist ein unbezahlbares Erlebnis. Den Henman Hill, den Tausende bevölkern, die keine Karten für die großen Arenen haben, muss man in der Abendstimmung bei den Krachern der Topstars erleben. Die Queue, die Schlange aus tausenden von Menschen, die hoffen, doch noch eines der zurückgegebenen und nicht genutzten Tickets zu bekommen, sucht weltweit ihresgleichen. Das alles ist Wimbledon, das alles macht es so einzigartig und Jahr für Jahr aufs Neue faszinierend. Und deshalb ist der Sieg hier viel besonderer als bei jedem anderen Turnier.