Kahn und Schweinsteiger: Klopp ist der Richtige, Führungsspieler fehlen
Kahn und Schweinsteiger: Klopp ist richtig, Führung fehlt

Die deutschen Fußball-Legenden Oliver Kahn (57) und Bastian Schweinsteiger (41) haben sich in einem Doppelinterview zur aktuellen Lage der Nationalmannschaft geäußert. Dabei sprachen sie über den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp, das Fehlen von Führungsspielern und die tiefer liegenden Probleme des deutschen Fußballs. Schweinsteiger betonte: „Klopp ist jetzt genau der richtige Trainer für Deutschland.“ Allerdings warnte er vor zu hohen Erwartungen: „Man darf die Erwartungshaltung nicht zu hoch hängen. Unsere Nationalmannschaft wieder dahin zu bekommen, wo sie mal war, nämlich in die Weltspitze, wird enorm viel Arbeit sein.“

Die Handtuch-Anekdote und der Kaiser als Vorbild

Schweinsteiger erinnerte sich an eine kuriose Episode aus Bayern-Zeiten: „Mit meinem Handtuch trocknete Olli immer seine Handschuhe nach dem Training. Als junger Spieler habe ich mir nichts zu sagen getraut.“ Kahn stellte dazu klar: „Es war ja so, dass immer zwei Handtücher für uns Spieler auf dem Platz lagen. Und was soll ich sagen: Dem Basti reichte ja auch eins.“ Beide lobten die Tradition des Bastian-Schweinsteiger-Cups, den sie gemeinsam als Schirmherren unterstützen. Franz Beckenbauer, der das Turnier einst prägte, gilt als Vorbild für Klopp. Schweinsteiger riet jedoch: „Mit Vergleichen zu Beckenbauer tun wir Jürgen Klopp keinen Gefallen.“

Fehlende Körperlichkeit und Führungsspieler

Die dritte enttäuschende WM in Folge wirft Fragen auf. Kahn sagte: „Die deutsche Mannschaft hat bei den letzten drei Weltmeisterschaften mit unterschiedlichen Trainern nicht funktioniert. Ich glaube daher nicht, dass ein Trainerwechsel der alleinig ausschlaggebende Faktor ist. Die Probleme des deutschen Fußballs liegen tiefer.“ Er verwies auf das Elfmeterschießen: „Ich kann mich nicht erinnern, dass eine deutsche Nationalmannschaft jemals zuvor bei einem Elfmeterschießen Spieler suchen musste.“ Schweinsteiger pflichtete bei: „Auch ich habe bei der WM deutsche Führungsspieler vermisst.“ Er nannte Kimmich und Nmecha, ergänzte aber: „Danach wird es schon schwierig. Ich finde es bezeichnend, dass die beste Szene von Musiala erst eine Grätsche im Sechzehntelfinale gegen Paraguay war.“ Musiala sei in einem Spiel zwölfmal gefoult worden und habe jedes Mal die Hand des Gegners akzeptiert – eine Haltung, die Schweinsteiger kritisierte. Kahn fragte daraufhin: „Die Frage hast du jetzt aber nicht ernst gemeint, oder?“ Er ergänzte: „Das geht ja schon bei den Bundesliga-Klubs los. Welche deutschen Spieler tragen dort eigentlich dauerhaft Verantwortung auf dem Platz?“

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Mentalität und die Guardiola-These

Schweinsteiger bemängelte die fehlende Körperlichkeit: „Man kann über die Spielart der Argentinier denken, was man will. Aber diese Mentalität liegt mir näher, als das, was die deutsche Mannschaft bei der WM gezeigt hat. Die Argentinier haben sich nichts gefallen lassen. So wie wir früher auch nicht. Du brauchst einfach mehrere Krieger in der Mannschaft. Die haben wir nicht mehr.“ Kahn erinnerte sich an ein Gespräch mit Carles Puyol: „Wenn wir eure Mentalität hätten, die deutsche Mentalität, was wäre dann für Spanien alles möglich.“ Schweinsteiger berichtete von Gesprächen mit Ibrahimovic, Rooney und Pogba: „Ihr Deutschen habt genau das verloren, was wir eigentlich immer von euch haben wollten.“ Als Ursache nannte er die zu starke Orientierung an Pep Guardiolas Philosophie während seiner Zeit beim FC Bayern (2013–2016): „Schauen wir doch darauf, was die deutsche Nationalmannschaft in den Jahren danach noch erreicht hat. Nach dem EM-Halbfinale 2016 war das Viertelfinale bei der EM 2021 schon der Höhepunkt.“

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Generationenwechsel und Torhüterfrage

Kahn forderte einen radikalen Neuanfang: „Es müssen die Besten spielen, egal ob jung oder alt. Was die Mannschaft braucht, ist Konkurrenzkampf. Und zwar auf allen Positionen.“ Schweinsteiger stimmte zu: „Es muss alles auf null gesetzt werden. Wer früher einen Stammplatz hatte, darf sich dem nicht mehr sicher sein.“ Zur Torhüterposition nach Manuel Neuer sagte Kahn: „Mir hat das vor der WM nicht gefallen, als Oliver Baumann plötzlich zur Nr. 2 degradiert wurde. Trotzdem müssen sich die Torhüter dem Konkurrenzkampf stellen. Ich sehe aktuell keine klare Nr. 1. Auch im Tor sollte es jetzt nur nach Leistung gehen.“ Schweinsteiger ergänzte: „Das ist für mich ein Riesenkriterium, ob jemand unter Druck zurechtkommt. Da bilden sich Führungsspieler heraus, die uns aktuell eben fehlen.“

Bundesliga und Bayern-Dominanz

Abschließend äußerten sich die beiden zur neuen Bundesliga-Saison. Kahn sagte: „Ich wüsste nicht, wieso sich diese Saison etwas ändern sollte. Ich sehe eher, dass das Gegenteil der Fall ist. Die wirtschaftliche und sportliche Übermacht wird eher größer. Bayern hat in seinen Reihen die besten Spieler der Welt. Sie können sich auch erlauben, mögliche Angebote über 150 Millionen Euro für Michael Olise auszuschlagen.“ Schweinsteiger zeigte Verständnis für den Wunsch nach mehr Spannung, betonte aber: „Vielmehr sollte der Fokus darauf sein, dass unsere Bundesliga-Klubs in der Champions League besser abschneiden.“