Lothar Matthäus (65), Weltmeister-Kapitän von 1990 und Rekordnationalspieler mit 150 Einsätzen, blickt als Kolumnist von BILD und SPORT BILD auf die bevorstehende WM 2026. Nach einer viertägigen Reise nach New York und dem Testspiel gegen die USA in Chicago stellt er fest: Die WM-Stimmung in den USA ist verhalten, anders als in Miami oder Mexiko, wo der spanische und südamerikanische Einfluss größer ist. Matthäus betont: Eine europäische Mannschaft wird diese WM gewinnen. Seine Top-Favoriten sind Frankreich, Spanien und England.
Favoriten und die Rollen von Messi und Ronaldo
Matthäus zählt auch Lionel Messi mit Argentinien und Cristiano Ronaldo mit Portugal zum Favoritenkreis. Allerdings zweifelt er, ob Messi erneut eine solche WM wie in Katar abliefern kann. „Überspitzt gesagt, blieb er nach jeder Offensivaktion stehen, um zu verschnaufen“, so Matthäus. Er selbst habe mit 39 bei der EM 2000 aus einer defensiven Position agieren können. Messi habe mehr Einfluss auf Argentinien als Ronaldo auf Portugal, weshalb Portugal ohne Ronaldo stärker sei als Argentinien ohne Messi.
Lehren aus dem Test gegen die USA
Der 2:1-Sieg gegen die USA offenbarte Mängel: Die deutsche Mannschaft war individuell besser besetzt, aber die Amerikaner waren aggressiver und gieriger. Offensive Zweikämpfe wurden zu selten gewonnen, insbesondere von Musiala und Wirtz, die für Eins-gegen-Eins-Situationen prädestiniert sind. Matthäus räumt ein: Die Offensive muss zulegen. Ausreden wie Zeitumstellung, Hitze oder Rasen gelten nicht mehr. Gegen Curaçao erwartet er einen hohen Sieg, doch danach kommen mit Ecuador und der Elfenbeinküste harte Gegner.
Ecuador und Elfenbeinküste: Keine leichten Brocken
Ecuador wurde in der Südamerika-Qualifikation Zweiter hinter Argentinien und verfügt über Champions-League-Finalisten wie Piero Hincapié und Willian Pacho. Die Elfenbeinküste hat mit Yan Diomande von RB Leipzig einen jungen Star und fast alle Spieler spielen bei guten europäischen Klubs. Matthäus warnt: Diese Teams sind ernst zu nehmen, wie ihre Vorbereitungssiege gegen Frankreich oder Schottland zeigen.
Kein Risiko bei Manuel Neuer
Matthäus rät, Manuel Neuer gegen Curaçao nicht einzusetzen, falls die geringste Verletzungsgefahr besteht. „Da brauchen wir ihn nicht unbedingt, die werden nicht oft auf unser Tor schießen.“ Wichtiger sei, dass Neuer gegen Ecuador und die Elfenbeinküste fit ist. Ein Stolpern könnte Deutschland auf Platz zwei der Gruppe bringen, was das Achtelfinale erschweren würde.
Nagelsmanns Zukunft: Weltmeister oder Rücktritt?
Bundestrainer Julian Nagelsmann hat einen Vertrag bis 2028. Matthäus meint: „Wenn er Weltmeister wird, müsste er eigentlich aufhören.“ Als drittjüngster Weltmeister-Trainer aller Zeiten wäre der Höhepunkt erreicht. Sollte Deutschland jedoch in der Vorrunde ausscheiden, gäbe es keine Argumente für ein Weitermachen. Von einer guten Leistung im Viertel- oder Halbfinale wäre man enttäuscht, aber auch stolz.
Deutsche Trainer bei der WM
Neben Nagelsmann sind Thomas Tuchel (England) und Ralf Rangnick (Österreich) dabei. Matthäus‘ Ranking: England vor Deutschland und Österreich. Rangnick profitiert von der Bundesliga: 13 Österreicher spielen dort, ähnlich wie bei der deutschen WM 1990. Tuchel steht unter Druck, weil er Cole Palmer, Phil Foden und Trent Alexander-Arnold nicht nominiert hat. „Die Kritik wird zum Höllenlärm, wenn er nicht mindestens das Halbfinale erreicht.“
Torschützenkönig und Bayern-Transfer
Harry Kane hat geringe Chancen auf den Torschützenkönig, da Tuchel auf Defensive setzt. Matthäus tippt auf Erling Haaland, Kylian Mbappé oder Michael Olise. Letzterer könnte sogar Weltfußballer und Ballon-d'Or-Sieger werden. Der FC Bayern sollte Olise halten, ebenso wie Luis Díaz, um Dominanz und internationalen Glanz zu sichern. Matthäus ist überzeugt, dass Bayern noch vor dem ersten Bundesliga-Spieltag mit Harry Kane verlängern wird.



