Mit einem triumphalen Einzug in Paris hat Tadej Pogacar die 113. Frankreich-Rundfahrt beendet – und dabei eine Spur von Rekorden und Bestmarken hinterlassen. Der 27-jährige Slowene aus dem UAE-Team Emirates sicherte sich zum vierten Mal das Gelbe Trikot und unterstrich seine Ausnahmestellung im Radsport. Sein Teamchef Mauro Gianetti zog einen bemerkenswerten Vergleich: „Pogi hat die Aura, das Charisma und die Anziehungskraft eines Roger Federer. Er ist eine Ikone.“
Historische Bestzeit am Alpe d'Huez
Sein spektakulärster Coup gelang Pogacar auf der legendären Auffahrt nach Alpe d'Huez. Auf den 13,8 Kilometern des Schlussanstiegs benötigte er nur 35:26 Minuten – ein Schnitt von über 23 km/h. Damit unterbot er den 31 Jahre alten Rekord von Marco Pantani um 1:24 Minuten. Die italienische Legende war 1995 in 36:50 Minuten gefahren. „Für viele Experten ist das eine unmenschliche Leistung“, hieß es im Peloton. Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel gab offen zu: „In den Bergen war es eine Mission impossible, Pogacar zu schlagen.“
Bereits auf der Pyrenäen-Etappe über den Col du Tourmalet hatte Pogacar eine neue Bestzeit aufgestellt. Seine bescheidene Art zeigte er jedoch nach dem Rennen: „Rekorde interessieren mich nicht, es geht mir um den Sieg“, sagte der Ausnahmefahrer. Er wolle die Bedeutung seiner sechs Etappenerfolge in Les Angles, Gavarnie-Gèdre, Le Lioran, Le Markstein und Alpe d'Huez nicht überbewerten.
Der Weg zu den Größen des Radsports
Mit dem vierten Gesamtsieg stößt Pogacar in einen exklusiven Kreis vor. Die Radsport-Legende Eddy Merckx, der fünfmal die Tour gewann, begrüßte ihn bereits als potenziellen Nachfolger. „Ich glaube nicht, dass er sich damit begnügen wird, mit mir und den anderen Champions gleichzuziehen. Bald wird er unseren Rekord an Tour-Siegen brechen“, sagte der 81-jährige Belgier der Gazzetta dello Sport. Zu den Fünffach-Siegern zählen neben Merckx die Franzosen Jacques Anquetil und Bernard Hinault sowie der Spanier Miguel Indurain.
Pogacar feierte in Alpe d'Huez seinen 26. Tour-Etappensieg. Hätte er nicht zwischendurch seinen Teamkollegen Isaac del Toro unterstützt, wäre die Zahl noch höher ausgefallen. In der ewigen Bestenliste liegen nur Ex-Sprintstar Mark Cavendish (35 Siege), Eddy Merckx (34) und Bernard Hinault (28) vor ihm. Bei seinem derzeitigen Tempo könnte der Rekord von Cavendish schon in zwei Jahren fallen.
Vom braven Jungen zum Patron des Pelotons
In seiner sechsten Tour hat sich Pogacar nicht nur sportlich weiterentwickelt. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich seit 2024 wesentlich stärker geworden bin. Aber ich habe mehr Erfahrung; kleine Dinge verbessern sich nach wie vor. Es kommt auf die Details an“, erklärte der Slowene. Gleichzeitig übernimmt er zunehmend Verantwortung. Nach dem Sturz seines Rivalen Jonas Vingegaard auf der 15. Etappe, der einen Schlüsselbeinbruch erlitt, äußerte Pogacar die Vermutung, dass die nächtlichen Dopingkontrollen eine Rolle gespielt haben könnten. Sowohl Vingegaard als auch Pogacar wurden nachts von Kontrolleuren heimgesucht – ein in Frankreich beispielloser Vorgang, der von einem Pariser Gericht genehmigt wurde.
Trotz seiner Dominanz erntete Pogacar vereinzelt auch Buhrufe. „Das macht uns nur stärker“, konterte er: „Wenn mich jemand ausbuht, denke ich an Novak Djokovic und lasse mich von ihm inspirieren.“ 99 Prozent der Leute seien ihm jedoch positiv gestimmt, merkte er an.
Ziele für die Zukunft: Vuelta und Paris-Roubaix
Pogacar, der bis 2030 bei UAE unter Vertrag steht, hat bereits neue Ziele im Visier. Die Spanien-Rundfahrt Vuelta fehlt noch in seiner Siegerliste, ebenso der Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix, bei dem er zweimal Zweiter wurde. Auch das Regenbogentrikot des Weltmeisters liegt ihm besonders am Herzen. Die kommenden Jahre versprechen weiterhin spektakuläre Leistungen des „Menschenfressers“, wie ihn L'Équipe bewundernd nannte.



