French Open: Tennis-Wunderkind Andrejewa besiegt ihre „Dämonen“
Schon lange vor ihrer Premiere in Paris war Mirra Andrejewa ein Grand-Slam-Champion – zumindest in ihrer Vorstellung. „Ich habe oft Visualisierungen gemacht“, verriet die russische Tennisspielerin nach ihrem Triumph. In Gedanken und Träumen sei sie das Wie, Wann und Wo immer wieder durchgegangen, aber: „Das Gefühl in der Realität ist natürlich viel besser als in meinen Träumen.“ Ihr Blick fiel dabei auf die Suzanne-Lenglen-Trophäe, die neben ihr auf dem Tisch stand. Nun, da die 19-Jährige die French Open gewonnen und sich ihre Prophezeiung des großen Durchbruchs erfüllt hat, will sie mehr. „Ich habe das Gefühl, dass das Ganze ein bisschen süchtig macht“, sagte Andrejewa lächelnd.
Boris Becker ist überzeugt, dass die jüngste French-Open-Siegerin seit 34 Jahren „noch viele Grand Slams gewinnen“ wird: „Alles in allem haben wir einen neuen Star im Damentennis.“ Das gilt auch für den Unterhaltungsfaktor. Nach ihrem 6:3, 6:2-Finalsieg gegen die polnische Qualifikantin Maja Chwalinska hielt Andrejewa bei der Siegerehrung auf dem Court Philippe Chatrier eine ungewöhnliche Dankesrede. „Ich möchte auch mir selbst danken“, sagte sie – dafür, dass sie immer an sich glaube, sich täglich verbessere und „gegen so viele Dämonen“ in ihr ankämpfe. Ihre Eingangsworte waren an die Rede von Rapper Snoop Dogg bei dessen Aufnahme in den Hollywood Walk of Fame angelehnt. Den Spruch „Ich möchte mir selbst danken“ trägt sie auch als pinken Schriftzug auf ihrer Trainingsjacke. „Die ersten Male habe ich ihn eher als Witz abgekupfert“, erklärte Andrejewa. „Aber dann wurde mir klar, dass es tatsächlich stimmt.“
Federer als Vorbild im Kampf gegen die Dämonen
Die Dämonen, die sie in ihrer Siegesrede erwähnte, erklärte sie nicht näher. Doch sie berichtete von einem Gespräch mit ihrer Psychologin, die ihr geraten habe: Du kannst immer wählen, wer du auf dem Platz sein willst. „Also habe ich entschieden, eine Kämpferin zu sein.“ Aber eine Kämpferin mit Stil. Deshalb versuche sie, das Verhalten von Tennis-Ikone Roger Federer zu imitieren. „Ich möchte gut aussehen auf dem Platz, nicht frustriert.“ Andrejewa galt bislang als emotionale Spielerin, die bei ihrem großen Ehrgeiz und ihrer Ungeduld auch mal die Nerven verliert. Im Vorjahr wurde sie in Paris ausgebuht, als sie nach einer Niederlage aus Frust einen Ball in die Ränge schoss. Auch ihre wüste Beleidigung gegen Zuschauer nach dem Aus in Indian Wells sorgte für Aufsehen. Ihre Psychologin und Trainerin Conchita Martínez halfen ihr aus dieser Negativspirale.
Hochtalentiert, aber auch hochemotional
Andrejewa galt schon länger als potenzielle Grand-Slam-Siegerin. Als Tennis-Wunderkind wurde sie 2022 gefeiert, als sie mit 15 Jahren ihr Debüt auf der Tour gab. Ihre Siege bei den Masters-Turnieren in Dubai und Indian Wells 2025 weckten Erwartungen, die sie zunächst nicht erfüllen konnte. Der gestiegene Druck setzte der jungen Athletin zu. In Paris blieb sie jedoch ganz bei sich. Auch im Finale bei windigen Bedingungen gegen die unorthodox spielende Chwalinska, die mit hohen Bällen, viel Slice und Stopps agierte, meisterte die Favoritin die Geduldsprobe souverän und stoppte den Lauf der Weltranglisten-114.
Chwalinska entschuldigte sich nach dem Match beim Publikum: „Ich habe mein Bestes versucht, Entschuldigung.“ Die 24-Jährige verpasste es, als zweite Qualifikantin nach Emma Raducanu einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Ihr Lob an die Siegerin verpackte sie in eine lächelnd vorgetragene Botschaft: „Du bist so jung und so talentiert – das ist so nervig.“



