KI-generierte Holocaust-Bilder: Offener Brief warnt vor Verharmlosung
KI-Holocaust-Bilder: Offener Brief warnt vor Verharmlosung

Immer mehr künstlich erzeugte Bilder des Holocausts sorgen für Besorgnis unter Bildungseinrichtungen. Mehr als 30 Einrichtungen der historisch-politischen Bildung haben sich in einem offenen Brief gegen die Verharmlosung und Verkitschung durch KI-generierte Inhalte ausgesprochen.

Fake-KI-Bilder verzerren die Geschichte

Während frühe KI-generierte Bilder noch durch sechs Finger, groteske Körperhaltungen oder wirre Schriftzüge auffielen, sind diese technischen Mängel heute weitgehend verschwunden. Stattdessen zeichnen sich die Darstellungen durch eine starke Dramatisierung und Emotionalisierung aus. Besonders deutlich wird dies bei künstlich erzeugten Holocaust-Bildern: Statt historischer Fotografien erinnern sie an Filmstills – mit weinenden Kindern hinter Stacheldraht, dramatischen Familienwiedervereinigungen oder heroisch inszenierten Befreiungsszenen. In sozialen Medien kursieren zudem Darstellungen, die Anne Frank als Überlebende des Holocausts, als Mutter oder Großmutter zeigen und damit die Illusion einer alternativen Biografie erzeugen.

Ein Warnruf aus den Gedenkstätten

„Wir – Einrichtungen historisch-politischer Bildung – sehen das in letzter Zeit massive Auftauchen von erfundenen KI-generierten Inhalten (AI Slop) zum Nationalsozialismus auf Social-Media-Plattformen mit großer Sorge“, heißt es in dem offenen Brief, den das Netzwerk Digital History and Memory am 13. Januar 2026 auf Initiative betroffener Gedenkstätten veröffentlichte. Mehr als 30 Einrichtungen schlossen sich dem Appell an. „Ich halte den offenen Brief für eine wichtige Intervention“, sagt Tobias Ebbrecht-Hartmann, Professor für Medienwissenschaft an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Er gehört zu den Referenten der Tagung „Schreibt KI Geschichte?“ der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz am 17. und 18. Juni, die sich mit der kritischen Reflexion und Nutzbarmachung von KI-Anwendungen für die historisch-politische Bildungsarbeit befasst.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Angriff auf unser visuelles Gedächtnis

Das zentrale Problem besteht für Ebbrecht-Hartmann darin, dass KI-generierte Bilder wie authentische historische Fotografien wirken. Obwohl Nutzer ihnen in sozialen Medien meist nur flüchtig begegnen, können sich auch beiläufig wahrgenommene Bilder im Gedächtnis festsetzen. Für Gedenkstätten ergeben sich daraus mehrere Herausforderungen. Zum einen beeinflussen solche synthetischen Bilder das Geschichtsbewusstsein und die Erwartungen von Besuchern. „Früher haben Spielfilme und andere fiktionale Darstellungen der Shoah solche Wirkung auf Menschen ausgeübt. In diese Kategorie sollen auch KI-Bilder eingeordnet und als Inszenierungen wahrgenommen werden“, betont Ebbrecht-Hartmann. Zum anderen sieht er die Gefahr der Verfälschung historischer Kontexte. Die meisten generierten Bilder entstehen, um Klicks zu erzeugen und Geld zu verdienen. Andere dienen bewusst der Geschichtsverzerrung. „Durch ihre schiere Masse verwässern diese stereotypen KI-Bilder unsere Archive und unser visuelles Gedächtnis“, sagt er. „Einer Kollegin von mir wurden sogar solche synthetischen Bildinhalte zur Aufnahme in das von ihr betreute Onlinearchiv angeboten.“

Kann man KI-generierte Holocaust-Bilder noch erkennen?

Ebbrecht-Hartmann plädiert dafür, historische Bildquellen – auch in digitaler Form – besser zu erschließen und eindeutig zu kennzeichnen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welchen Beitrag Nutzer sozialer Medien selbst leisten können. Historische Fotografien aus der Zeit des Holocausts sind meist keine perfekt ausgeleuchteten Aufnahmen, oft entstanden sie unter schwierigen Bedingungen. Aus vielen Konzentrations- und Vernichtungslagern existieren nur wenige Bilddokumente. Tauchen plötzlich vermeintliche historische Aufnahmen aus solchen Kontexten auf, sei Skepsis angebracht. Man sollte nach der Quelle fragen und recherchieren. Das gelte ebenso für besonders dramatische und stark emotionalisierende Darstellungen. „Wir müssen achtsamer mit Bildern in sozialen Medien umgehen“, sagt Ebbrecht-Hartmann. „Vorausgesetzt, wir wollen weiterhin die Erzähler unserer eigenen Geschichte sein und diese Aufgabe nicht KI-Systemen überlassen.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration