Mitarbeiter von Jobcentern berichten über katastrophale Zustände
Es ist der Aufstand der Jobcenter-Mitarbeiter. Seit der Kündigung des Bremer Mitarbeiters Fred Göcken melden sich immer mehr aktuelle und frühere Jobcenter-Beschäftigte bei BILD. Sie wollen reden – aber fast alle nur anonym. Aus Angst vor Konsequenzen.
Was sie schildern, ist brisant: Bürgergeld als „Rundum-Sorglos-Paket“, Sanktionen, die im Alltag versanden, Akten statt Menschen, Budgets, die „rausmüssen“. Und eine zentrale Botschaft an die Politik: Göcken hat nicht übertrieben.
Ein Mitarbeiter berichtet: „Ich hatte 600 Kunden – Sanktionen waren unmöglich“
Ein aktueller Jobcenter-Mitarbeiter aus Nordrhein-Westfalen berichtet von seiner täglichen Arbeit: „Ich hatte über 600 Kunden in meiner Zuständigkeit. Es war völlig unmöglich, jeden Einzelfall zu prüfen und Sanktionen durchzusetzen. Die Verwaltung ist überfordert, die Systeme sind veraltet.“
Ein ehemaliger Mitarbeiter aus Bayern ergänzt: „Das Bürgergeld wird als Rundum-Sorglos-Paket missverstanden. Viele Kunden kommen nicht zu Terminen, reagieren nicht auf Post, und wir können nichts tun. Sanktionen sind bürokratisch so aufwendig, dass sie in der Praxis kaum umgesetzt werden.“
Akten statt Menschen: Die Realität in den Jobcentern
Die Beschäftigten kritisieren, dass die Arbeit zunehmend von Akten und nicht von Menschen bestimmt werde. „Wir sitzen stundenlang vor Bildschirmen und bearbeiten Anträge, anstatt mit den Kunden zu sprechen. Der persönliche Kontakt leidet massiv“, sagt ein Mitarbeiter aus Berlin.
Ein anderer aus Hamburg fügt hinzu: „Die Budgets müssen raus. Es gibt Druck von oben, die Gelder zu verausgaben, sonst werden sie gekürzt. Das führt dazu, dass Leistungen bewilligt werden, ohne die Bedürftigkeit richtig zu prüfen.“
Politik gefordert: „Göcken hat nicht übertrieben“
Die Mitarbeiter appellieren an die Politik, die Zustände in den Jobcentern zu verbessern. „Fred Göcken hat die Missstände benannt, und er hat nicht übertrieben. Es braucht mehr Personal, bessere Digitalisierung und eine Reform der Sanktionspraxis“, so ein Sprecher der anonymen Gruppe.
BILD hat die Berichte exklusiv gesammelt und veröffentlicht. Die Namen der Mitarbeiter sind der Redaktion bekannt, werden aber aus Gründen des Quellenschutzes nicht genannt.



