Siemens wird in Kürze 180 Jahre alt, und die anderen deutschen Industriegiganten sind ähnlich betagt. Ihre Marken aus der Gründerzeit sind weltweit gefragt – doch eine neue Gründerzeit hat Deutschland seither nicht erlebt. Selbst der Softwarekonzern SAP bringt es auf 54 Jahre. Wer die Gegenwart der globalen Wirtschaft betrachtet, blickt meist in die USA: Nvidia, Google, Apple, OpenAI und Anthropic gelten als relativ junge Unternehmen, die mit Innovation und Wagnis Maßstäbe setzen.
Dort herrscht eine Kultur, die unternehmerisches Risiko nicht nur akzeptiert, sondern aktiv fördert. Kapital und Mut zum Experimentieren haben ein Klima geschaffen, in dem Zukunft nicht nur erforscht, sondern hergestellt wird. Aus Deutschland blickt man auf diese Dynamik mit einer Mischung aus Staunen, Neid und Abwehr.
Ein Straßenbild, das Zukunft verspricht
Die Unterschiede lassen sich konkret erfahren: Fährt man vom Süden San Franciscos über die Halbinsel bis nach San José, fallen zwei Dinge auf. Erstens die schiere Präsenz von Werbung für künstliche Intelligenz – von beruflichen Anwendungen bis hin zu Alltagshelfern. In diesem Ausmaß ist das in Deutschland kaum vorstellbar. Zweitens begegnet man vielen Deutschen: Gründerinnen und Gründern, IT-Spezialisten, Unternehmerinnen, Ingenieuren, die an der Welt von morgen mitarbeiten. Sie sind maßgeblich an Projekten wie dem selbstfahrenden Auto von Waymo oder an OpenAI beteiligt.
Das zeigt: Das Humankapital für die digitale und künstliche Zukunft ist in Deutschland vorhanden. Nur wird es häufig nicht im eigenen Land eingesetzt, sondern in Kalifornien. Die Talente suchen offenbar ein Umfeld, das Risiko zulässt und Chancen belohnt.
Warum Deutschland ein Experimentierjahr braucht
Genau hier setzt Carsten Maschmeyer an. Der Investor und Unternehmer fordert ein Experimentierjahr für Gründer. Seine Überlegung: Viele Menschen in Deutschland haben große Ideen, scheuen aber das unternehmerische Risiko. Ohne ausreichende finanzielle Absicherung fällt es schwer, den sicheren Job zu verlassen und ein Start-up zu gründen. Ein Experimentierjahr könnte diese Hürde deutlich senken.
Die Idee: Wer gründen möchte, erhält für ein Jahr eine staatliche Unterstützung, die den Lebensunterhalt sichert. Dadurch können sich Gründer voll und ganz auf ihr Vorhaben konzentrieren, ohne sofort auf profitable Geschäftsmodelle angewiesen zu sein. Im ersten Jahr geht es vielmehr darum, Prototypen zu entwickeln, Kunden zu finden und die Markttauglichkeit zu testen. Scheitert das Vorhaben, müssen die Gründer keine Schuldenlast fürchten; sie können in ihre bisherigen Berufe zurückkehren oder eine neue Anstellung finden.
Der Staat profitiert von mehr Mut
Maschmeyer ist überzeugt, dass sich diese Investition für den Staat rechnet. Auch wenn nicht jedes Start-up überlebt, so bleiben doch einige Unternehmen bestehen und schaffen Arbeitsplätze. Sie zahlen Steuern, entwickeln Produkte, die in Deutschland hergestellt werden, und stärken so den Wirtschaftsstandort. Fehlgeschlagene Versuche sind aus dieser Sicht kein Verlust, sondern eine notwendige Lernerfahrung – so wie es im Silicon Valley längst gang und gäbe ist.
Das Experimentierjahr wäre mithin keine Almosen, sondern eine gezielte Innovationsförderung. Es würde die deutsche Gründungskultur nachhaltig verändern: weg von der Angst vor dem Scheitern, hin zu einer Haltung, die Ausprobieren belohnt. Ohne eine solche kulturelle Verschiebung laufen Appelle an mehr Unternehmertum ins Leere – das zeigen die vielen deutschen Fachkräfte, die ihr Können lieber in den USA einbringen.
Ein erster Schritt zu einer neuen Gründerzeit
Die Zahlen sprechen für sich: Siemens feiert bald den 180. Jahrestag seiner Gründung, SAP ist immerhin 54 Jahre alt. Dazwischen gibt es kaum deutsche Tech-Konzerne von Weltgeltung. Ein Experimentierjahr könnte der Katalysator sein, um diese Lücke zu schließen. Wenn der Staat es ermöglicht, dass kluge Köpfe für ein Jahr an ihren großen Ideen arbeiten können, entsteht genau das, was Deutschland braucht: eine neue Gründerzeit – diesmal mit modernen Technologien und Zukunftsmärkten.
Carsten Maschmeyer plädiert dafür, diesen Schritt zu wagen. Sein Vorschlag ist konkret, finanzierbar und richtet sich an alle, die Verantwortung für die Zukunft des Landes tragen. Denn die Konkurrenz schläft nicht – weder im Silicon Valley noch anderswo auf der Welt.



