Hunderte Chinesinnen und Chinesen verdienen Geld, indem sie Lizenzen für ihre Gesichter an KI-Unternehmen vergeben. Für umgerechnet 15 bis 700 US-Dollar können Plattformen wie „New Claw“ oder „ActID“ die Gesichter an Produzenten von KI-generierten Inhalten weitervermieten. Der Bedarf ist riesig: Laut Recherchen des amerikanischen Nonprofit-Mediums „Rest of World“ sind 95 Prozent der 128.000 chinesischen Mikrodramen aus den ersten drei Monaten dieses Jahres mit Künstlicher Intelligenz erstellt worden.
Mikrodramen: Eine Milliardenindustrie in China
Mikrodramen, sogenannte „Duanju“, sind kurze Videoserien, die speziell für den Handybildschirm optimiert sind und oft Seifenopern ähneln. Sie erfreuen sich in China enormer Beliebtheit. Laut der „New York Times“ ist der Markt für chinesische Mikrodramen rund 14 Milliarden US-Dollar schwer. Um den unstillbaren Hunger nach neuen Inhalten zu stillen, setzen Produzenten zunehmend auf KI-generierte Darsteller. Die Gesichter echter Menschen dienen dabei als Vorlage.
Die Plattformen bieten eine Datenbank, in der Kunden nach Geschlecht, Alter oder Stichworten wie „Mädchen von nebenan“ filtern können. Die lizenzierten Gesichter kommen in TV-Werbung, Computerspielen oder eben in Mikrodramen zum Einsatz. ActID, einer der Anbieter, zahlt den Teilnehmenden zwischen 15 und 700 US-Dollar für die Nutzung ihrer Gesichtsrechte.
Identitätsdiebstahl und unerlaubte Nutzung
Doch nicht immer geschieht die Nutzung mit Einwilligung. Immer wieder entdecken Chinesen zufällig ihr eigenes Gesicht in Mikrodramen, ohne je eine Lizenz erteilt zu haben. Der Technologiekonzern ByteDance, bekannt für TikTok und Capcut, musste seit Jahresbeginn 85.000 KI-generierte Videos wegen unerlaubter Verwendung von Gesichtern und Stimmen löschen. Dies berichtete das Portal „Rest of World“ unter Berufung auf Unternehmensangaben.
Für die Produzenten rechnet sich der Lizenzkauf trotzdem: Bei ActID zahlen sie zwischen 15 und 74 US-Dollar pro Folge für ein Gesicht. Der Anbieter behält eine Vermittlungsprovision von zehn Prozent ein. Die Marketingverantwortliche von ActID erklärte gegenüber „Rest of World“: „Die Produzenten wollen attraktive Gesichter für die Hauptfiguren, benötigen aber auch markante Gesichter, etwa von älteren Menschen.“
Bedenken und rechtliche Grauzonen
Kritiker warnen vor den Risiken des Gesichtsverleihs. Das Model Xu Fang, das bereits rechtlich gegen eine Modemarke vorging, die sein Gesicht ohne Erlaubnis nutzte, sagte: „Wenn ich mein Gesicht zur Nutzung freigebe, habe ich keine Ahnung, wie die KI es verändern oder ob sie mich auf eine erniedrigende Weise darstellen könnte.“ Eine Pekinger Anwältin wies darauf hin, dass Verträge oft vage Formulierungen enthielten, sodass die Kontrolle über die zukünftige Verwendung des eigenen Gesichts gering sei.
Der Trend zeigt: Die Vermietung von Gesichtern an KI-Systeme ist ein wachsender Markt, aber auch ein Minenfeld für Datenschutz und Persönlichkeitsrechte. Während Anbieter und Produzenten von der Effizienz profitieren, stehen die Lizenzgeber vor der Frage, ob der einmalige Lohn das Risiko des Kontrollverlusts wert ist.



