Der Börsenhype um SpaceX und die ambitionierten Pläne für eine Mondstation der Nasa zeigen: Der Weltraum ist längst kein Spielfeld für Träumer mehr. Die Zukunft der Menschheit im All hat bereits begonnen. Doch welche Rolle spielen Deutschland und Europa auf diesem Weg? Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA (100.000 Besucher, 750 Aussteller) in Berlin sprach BILD mit dem Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation Esa, Dr. Josef Aschbacher (63), sowie den beiden deutschen Astronauten Dr. Alexander Gerst (50) und Dr. Matthias Maurer (56).
Wettlauf zum Mond: USA und China vorne – Europa im Schlepptau?
Die USA und China liefern sich einen milliardenteuren Wettlauf, wer als erster permanent mit einer eigenen Station auf dem Mond sein wird. Kann Europa bei diesem neuen „Space Race“ überhaupt noch mithalten? Beim Nasa-Programm sind die Esa und Unternehmen wie Airbus mit Technologie und Know-how maßgeblich beteiligt. Es soll auch ein deutscher Astronaut bei einer der zukünftigen Missionen mit zum Mond fliegen. Aber kann Europa das nicht auch allein schaffen?
Gibt es bald eine europäische Mondmission?
„Natürlich ist das unsere Vision für die nächsten Jahre“, sagt Esa-Chef Dr. Josef Aschbacher zu BILD. „Wir sind bereits jetzt führend in der Erdbeobachtung, in der Navigation, im Wissenschaftsbereich, nur im Transport von Astronauten noch nicht.“ Und deshalb müsse sich die Politik fragen: „Will sich Europa im Weltraum autonom aufstellen? Diese Frage stelle ich ganz bewusst den Entscheidungsträgern, den Politikern: Wollen wir weiterhin die Passagiere von amerikanischen oder chinesischen oder russischen Kapseln sein? Oder soll sich Europa zusammenraufen und diese Kapazität aufbauen?“ Die Esa könne dafür die Technologie entwickeln, entscheiden müsse aber die Politik.
Die Rakete haben wir schon …
Dabei müsste Europa nicht von Anfang an loslegen. „Wir haben eine Rakete, die auch Astronauten transportieren könnte, die Ariane 6“, sagt Aschbacher. Was fehlt, ist eine Kapsel. „Dafür könnten wir unsere Kapsel umbauen, die Nutzlast in den Weltraum bringen kann. Sie kann für Astronauten weiterentwickelt werden.“ Außerdem müsste ein Launch-Abort-System (Startabbruchsystem, eine Sicherheitseinrichtung für bemannte Raumfahrzeuge) entwickelt und der europäische Weltraumhafen in Kourou ausgebaut werden.
Deutsche Astronauten verfolgen ihren Traum vom Mond
Im ESA-Pavillon auf der ILA findet die Zukunft schon statt: Europäer auf dem Mond. Und wann wird ein deutscher Astronaut erstmals auf dem Mond landen? ISS-Astronaut Matthias Maurer: „Definitiv innerhalb der nächsten 10 Jahre, das ist klar. Die Nasa gibt jetzt so richtig Gas, die möchte zweimal pro Jahr zum Mond fliegen. Nicht nur drumherum, sondern landen. Ziel der internationalen Partner ist es, dort – ähnlich wie in der Antarktis – langfristig und nachhaltig zu forschen.“ Und weil Deutschland ein großer Geldgeber der Esa ist, sind die beiden Deutschen Maurer und Alexander Gerst in der engeren Auswahl. Für beide ist klar: Sie wollen als erste Deutschen ihren Fuß in den Mondstaub setzen. Gerst: „Als Astronaut hat man viele Träume: ins All fliegen, zur ISS, dort aussteigen – und jetzt auf dem Mond landen. Es ist wichtig, dass wir Menschen neugierig sind und verstehen wollen, wie das Universum funktioniert.“
Jetzt investieren, sonst wird sich die Welt ohne uns beschleunigen
Doch die beiden sehen auch die Notwendigkeit, dass Europa in Zukunft bei der Erkundung des Weltraums auf eigenen Beinen steht. „Der politische Konsens muss da sein“, so Maurer. „Große Nationen wie die USA, China und Indien sehen Raumfahrt als Ausdruck ihres globalen Führungsanspruchs. Wenn wir in der ‚ersten Liga‘ mitspielen wollen, dürfen wir dieses Zukunftsfeld nicht anderen überlassen.“ Und Gerst ergänzt: „Wenn wir jetzt nicht aktiv steuern und investieren, wird sich die Welt ohne uns beschleunigen.“



