Mehr als 100.000 Besucher werden in diesen Tagen auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) am Berliner Hauptstadtflughafen BER erwartet. Bei rund 750 Ausstellern aus 37 Ländern dreht sich alles um die Zukunft von Luftfahrt, Raumfahrt, Drohnentechnologie und Verteidigung. Einer, der die Erde aus einer Perspektive erlebt hat, die nur wenige Menschen kennen, ist Deutschlands Raumfahrt-Legende Thomas Reiter. Wenn er über seine Zeit im All spricht, kommt er schnell auf das zurück, was ihn bis heute am meisten beeindruckt: den Blick auf die Erde.
Noch heute gerät Reiter ins Schwärmen, wenn er beim BILD-Interview an diese kostbaren Tage zurückdenkt. Besonders in Erinnerung geblieben seien ihm „dieses Gefühl der Körperlosigkeit“ und „dieser wunderschöne Ausblick sowohl auf die Erde als auch auf der Nachtseite des Orbits in den Sternenhimmel“. Für den Raumfahrtpionier gehören diese Momente zu den intensivsten Erfahrungen seines Lebens. Für einen Reporter wie mich, der leidenschaftlich gern über Weltraummissionen berichtet, sorgt dieses Interview immer wieder für Gänsehautmomente.
„Unser Planet ist ein Raumschiff“
Der Blick von oben verändert nach Reiters Überzeugung auch die Sicht auf das Leben auf der Erde: „Unser Planet ist im Grunde ein Raumschiff, das auf seiner Bahn um die Sonne reist“, so Reiter zu BILD. „Man erkennt sehr deutlich, wie wichtig es ist, dieses Zuhause zu bewahren und die Herausforderungen unserer Zeit – vom Klimawandel bis hin zu internationalen Konflikten – gemeinsam anzugehen.“
Der ehemalige ESA-Astronaut verbrachte insgesamt fast ein ganzes Lebensjahr im Weltraum. 1995 war Reiter rund 179 Tage auf der russischen Raumstation Mir, 2006 folgte ein weiterer Langzeitaufenthalt von rund 171 Tagen auf der Internationalen Raumstation ISS. Darüber hinaus absolvierte er mehrere Außenbordeinsätze im freien Weltraum. „Dieser Anblick verdeutlicht auf sehr eindrucksvolle Weise, dass wir alle in einem Boot sitzen“, sagt Reiter.
Der heute 68-Jährige wünscht sich, dass künftig mehr Menschen einen Blick aus dem All auf die Erde werfen. Ein bezahlbarer Weltraumtourismus liege zwar noch in weiter Ferne, könne aber in einigen Jahrzehnten dazu beitragen, das Bewusstsein für die Verletzlichkeit unseres Planeten zu stärken.
Schutz vor Meteoriteneinschlägen
Mit Interesse verfolgt Reiter die aktuellen Entwicklungen der Raumfahrt. Besonders wichtig sei es aus seiner Sicht, dass Europa unabhängiger werde. Zwar verfüge der Kontinent über große wissenschaftliche und technologische Kompetenzen, bei bestimmten Lieferketten und Schlüsseltechnologien gebe es jedoch weiterhin Abhängigkeiten vom Ausland. Großes Potenzial sieht der ehemalige Astronaut in neuen Erdbeobachtungsmissionen. Sie könnten helfen, die Mechanismen des Klimawandels besser zu verstehen und wichtige Daten für den Schutz des Planeten etwa vor Meteoriteneinschlägen zu liefern. Auch die Rückkehr von Menschen zum Mond verfolgt er mit Spannung. Dabei gehe es heute nicht mehr nur um Prestige, sondern zunehmend auch um strategische Interessen und die Nutzung von Ressourcen.
Für Reiter bleibt jedoch die wichtigste Erkenntnis seiner Reisen ins All eine andere: „Die großen Herausforderungen der Menschheit lassen sich nur gemeinsam lösen“, sagt er. „Der Blick auf die Erde aus dem Weltraum macht genau das auf eindrucksvolle Weise sichtbar.“



